Viele letzte Zigaretten später …

Einige erinnern sich gewiss noch daran, dass ich bereits vor über zwei Jahren meine letzte Zigarette geraucht habe. Allerdings kamen in der Zwischenzeit viele weitere letzte Zigaretten dazu.

Im Prinzip ist das Rauchen aufhören eine sehr simple Sache: einfach nicht mehr rauchen. Darüber wurden auch schon sehr viele Ratgeber geschrieben und nicht selten weiß das Umfeld auch noch sehr viele gut gemeinte Ratschläge, wie man es am besten schafft. Ganz easy.

Da ich ja mehr als nur einen Rauchstopp hinter mir habe, weiß ich, dass es eben nicht ganz so einfach ist. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass Nikotinabusus noch nicht einmal als Abhängigkeit wahrgenommen wird. Ich erinnere mich da an einen Tweet der vor längerer Zeit gepostet wurde, der in etwa lautete „Rauchen ist keine Sucht, sondern eine riesengroße Dummheit.“ Natürlich war jeder Raucher in seinem Leben dumm genug, damit anzufangen – gerade in einer Zeit, in der überdeutlich über die Folgen des Rauchens aufgeklärt wird. Aufgeklärt wird auch über die Folgen von Alkohol, Heroin, Crystal meth, Cannabis und Kokain und dennoch finden diese Substanzen weiterhin zahlreiche Abnehmer. Nikotin wird jedoch in der breiten Bevölkerung nicht als abhängig machende Substanz gesehen.

Natürlich ist ein Nikotinentzug für den Körper leichter zu verkraften, als ein Heroinentzug. Keine Frage. Aber mich fasziniert die allgemeine Auffassung, dass Nikotinabusus lediglich eine Frage der Dummheit sein soll. Einem „richtigen“ Junky wird Dummheit jedenfalls nicht zuallererst vorgeworfen – auch wenn gerade bei härteren Drogen eine ordentliche Portion davon notwendig ist um eine davon zu „probieren.“

Ich arbeite auf der Intensivstation einer Lungenfachklinik, ich habe schon Leute erlebt, die blau angelaufen und aus dem letzten Loch pfeifend noch nach einer Zigarette verlangt hatten. Noch viel dramatischer war die Geschichte eines Menschen, der nach seiner erfolgreichen Transplantation eines Lungenflügels wieder mit dem Rauchen begonnen hat. Alles nur Dummheit?

Für viele Raucher ist die Zigarette weniger Genuss, als persönlicher Stressbegleiter. Aller guten Vorsätze zum Trotz wurde ich in der Regel rückfällig, weil ich in irgendeiner Form Stress zu bewältigen hätte. Wohl wissend, dass der Löwenanteil der Stresssituationen einem niedrigen Nikotinspiegel geschuldet ist. Und es verlangt mir in jenen Momenten viel ab, diesen Stress zu überwinden und den Wunsch nach einer Zigarette zu verdrängen. Geschichten über ehemalige Kettenraucher, die ihren Entzug von jetzt auf gleich geschafft haben, (angeblich) ohne irgendwelche Probleme und Entzugserscheinungen, helfen hierbei auch nicht, sondern erzeugen in mir sogar das Gegenteil: „Der hatte einen noch viel schwierigeren Entzug, als du und es geschafft und du hast hier solche Probleme. Du Versager!“ Allgemein ist das Gefühl zu „versagen“ kein sehr schönes, egal in welcher Beziehung. Und wenn man ohnehin schon versucht, den Gedanken an eine Zigarette zu verdrängen, erzeugt dies bei mir und gewiss auch bei einigen anderen zusätzlichen Stress.

Ich möchte hier nicht meine Eigenverantwortlichkeit über meinen Nikotinkonsum abgeben und sagen: „Ich schaff das nicht, ich bin abhängig“ Ich treffe selbst die Entscheidung, ob ich weiterrauche und ob ich Stresssituationen nicht einfach ohne Zigarette aussitze bzw. löse. Und wenn ich in einem Moment aufgebe und zum Glimmstengel greife, ist das auch mein eigenes Verschulden und zwar mir selbst gegenüber. Und glaubt mir: das schlechte Gewissen und das Gefühl, mal wieder „versagt“ zu haben, ist auch in diesem Augenblick, alles andere als angenehm.

Lange Rede kurzer Sinn: macht die Menschen nicht fertig, die rauchen, mit dieser Sucht kämpfen und schon gar nicht wenn sie beim Versuch aufzuhören gescheitert sind.

PS: derzeit wieder Nichtraucher und ich weiß noch nicht mal seit wann, vielleicht ist das ein gutes Zeichen

Autor: mauerunkraut

geborene Trixi | wohnhaft im sogenannten Internet |

Ein Gedanke zu „Viele letzte Zigaretten später …“

  1. Hallo,

    ich selber bin mitte 30 und habe noch nie geraucht, nicht einen einzigen Zug und auch keine anderen Drogen konsumiert, und bin darauf sehr stolz. Aus meiner Sicht würde ich sagen das Rauchen nicht nur eine Dummheit sondern auch eine Charakterschwäche ist, aber aus dem Mund von jemandem wie mir ist das sicher etwas überheblich.

    Ich habe einen Sohn der jetzt 12 Jahre alt ist und er sagt von sich das er ganz gewiss auch nie irgendwelche Drogen konsumieren wird, weder Nikotin noch Alkohol oder gar härteres Zeug. Aber das ist leider nicht meiner positiven Vorbildfunktion zu verdanken sondern der negativen Vorbildfunktion meiner Exfrau (seiner Mutter) von der er mehrere Entzüge und Rückfälle (wegen härteren Sachen) miterlebt hat bis ich endlich die Konsequenz gezogen hatte und sie vor die Tür setzte. Ganz offensichtlich ist geeignete Abschreckung bei Kindern ein wirksameres Mittel als obercoole Nichtrauchervorbilder o.ä. und deswegen bin ich der Meinung das sowas spätestens in der 5ten Klasse mit geeigneten Videos betrieben werden muss. Damit meine ich nicht so grausame Dinge wie die Obduktion einer Raucherlunge sondern sowas wie die Videos die die Tochter von David Hasselhoff über ihn gemacht hat zusammen mit einer anschließenden Diskussion unter den Kindern über die Motive und Gefühle der Tochter aber auch des Promies (als er wieder nüchtern war).

    Ich würde mich durchaus als militanten Antiraucher bezeichnen aber mein Hass gilt nicht den Opfern sondern den Tätern, also der Nikotinmafia und den Politikern die nichts dagegen unternehmen aber auch aktiven Rauchern die z.B. keine Rücksicht auf ihre unschuldigen Mitmenschen nehmen.

    Ich bin fest davon überzeugt das Deine Persönlichkeit über deutlich mehr Fassetten verfügt außer über diese eine Dummheit, Dummheiten machen wir schließlich alle mal, und deswegen wünsche ich Dir die Kraft dieses kleine Problemchen zu überwinden damit Du es irgendwann schaffst wieder andere Aspekte Deines Selbst in den Vordergrund zu rücken.

    Grüße
    Erik

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