Mauerunkraut

Ich prokrastiniere. Und mache mir Gedanken.

Postcolognalismus

Samstag Abend, nach der Spätschicht. Ich wartete wie andere auf die nächste Bahn nach Hause. Unweit von mir standen zwei Men of Color*, die sich lebhaft unterhielten. Dann drehte sich einer von beiden zu mir und machte einen Witz über die Kölner Bahnen. Ich war ein wenig irritiert, allerdings nur weil ich in Köln relativ selten von Fremden angesprochen werde und so lustig war der Spruch auch nicht, aber ich lächelte höflich. Plötzlich werde ich von der anderen Seite von einem Mann mittleren Alters angesprochen: „Belästigen dich die beiden?“ Von einer Sekunde auf die andere wurde es eisig um uns herum. Ich sage „Nein.“ Nach kurzem Zögern,  blickte er wieder nach vorn und wartete auf seine Bahn. Die beiden Männer sprachen nicht mehr mit mir.

Gut, die Silvesternacht ist noch nicht so lange her und deswegen ist es nicht verwunderlich, wenn die Leute nun in Sachen Belästigung und Übergriffen genauer hinsehen. Und eigentlich ist es ja auch wünschenswert, dass in der Öffentlichkeit Belästigung nicht mit einer harmlosen Flirterei verwechselt wird und endlich auch dafür sensibilisiert ist. Und zwar unabhängig von der Hautfarbe der Beteiligten. In diesem Fall blieb ich allerdings etwas ängstlich und ratlos: Hätte der Mann ebenso besorgt nachgefragt, wenn die beiden Männer weiß gewesen wären? Oder wenn ich selbst eine Person of Color wäre? Erleben nicht-weiße Männer solche Situationen zur Zeit öfter?

Ich muss unweigerlich an frühere Situationen denken. An diesen betrunkenen (weißen) Mann zum Beispiel, der mich über ein ganzes Stück in der Stadt verfolgte und mich gerne „wohin mitnehmen“ wollte. Ich vertrieb ihn, nachdem ich ihn aggressiv von mir weg an eine Häuserwand schob – etwas, was ich mich wohl nicht getraut hätte, wäre er nicht sehr betrunken gewesen, wäre es nicht heller Tag gewesen und wären nicht gerade einige Leute unterwegs gewesen. Zuvor weichte ich ihm mehrfach aus, wenn er versuchte seinen Arm um mich legen oder mich zu ihm zu ziehen, von den Leuten die uns entgegen kamen oder unseren Weg kreuzten reagierte niemand. Aber einige hoben die Köpfe, als mich der Typ nach meiner Abwehraktion laut beschimpfte. Ob die Leute wenigstens jetzt nach Silvester in Köln reagieren würden? Wenigstens einmal besorgt nachfragen? Auch bei Deutschen?

Mein Radiowecker weckte mich mit der Nachricht, dass Ausländer in der Innenstadt angegriffen wurden. Und seitdem habe ich Angst davor, dass wir uns mittlerweile in einer Spirale befinden, die sich unaufhaltsam und immer schneller weiter drehen wird. Natürlich möchte ich nicht, dass Menschen Übergriffe und Vergewaltigung erleiden müssen, ohne dass es für die Täter_innen Konsequenzen hat. Aber ich möchte auch nicht, dass Menschen aufgrund ihres ausländischen Aussehens für gefährlich gehalten und deswegen diskriminiert und angegriffen werden.

Wir sollten aufpassen, was Köln mit uns macht.

*Ja, ich benutze diesen Begriff. Deal with it.

5 Kommentare

  1. Gut geschrieben.

    • Das stimmt leider nicht.

      Was ist jetzt die Aussage? Dass der Autor von der Situation beunruhigt ist? Gut, dazu hätte es den Text nicht gebraucht.
      Auch stilistisch ist der Text nicht so toll, aber darüber will ich mich gar nicht auslassen.

      Um etwas Sachliches hinzuzufügen:
      Was mich vor allem stört, ist, dass die Köln-Geschichte von allen Seiten so derart instrumentalisiert wird und Menschen mit weniger Bildung oder solche, die einfach nicht genügend nachdenken, darauf auch noch anspringen und Resonanz erzeugen, anstatt die Verbrechen der Polizei und Staatsanwaltschaft zu überlassen, wie es in einem Rechtsstaat sein soll. Härtere Strafen zu fordern, Ausländer rauswerfen zu wollen und jeden wie einen Sexualstraftäter behandeln zu wollen, ohne dass die Justiz das überhaupt verarbeitet hat, ist daneben, peinlich und auch gefährlich. Genauso fällt mir auf, dass viele das mit Sexismus verbinden. Sexualdelikte sind kein Sexismus; sexistisch ist es, Sexualdilkte nur einseitig bezüglich der Sexualanatomie zu betrachten, die nichts mit dem Verbrechen selbst zu tun hat.
      Ich würde vorschlagen, aus dem Vorfall in Köln keine so große Nummer zu machen, um den Populisten nicht die naive, irrationale Resonanz zu schenken, die sie sich wünschen.

  2. Liebe mauerunkraut,

    ich dachte, ich nutze die Gelegenheit, hier einen Kommentar zu hinterlassen. Ich schätze es, dass du deine Gedanken auf diese Weise teilst. Dass du über Dinge nachdenkst und Fragen stellst. Ich glaube, das fehlt vielen dieser Tage, in denen jeder sofort zu allem eine feste Meinung hat und sie in die Welt hinausschreit – oft ohne sich vorher die notwendigen Fragen zu stellen.
    Und ich glaube, dass es manchem gut tun würde, solche Gedanken mit einer offeneren Einstellung zu lesen. 🙂

    Mehr als alles andere fehlt mir dieser Tage bei anderen die Fähigkeit zum Zuhören und sich vielleicht auch mal zurückzunehmen und anzuerkennen, dass zu einem bestimmten Thema das Wort von Betroffenen mehr zählt als das eigene. Etwa wenn es um den Begriff „people of color“ geht, dem du hier so einen kleinen Disclaimer beigefügt hast. Ob ich das Wort schön finde oder nicht, ist im Grunde egal. Wichtiger als meine ästhetischen Befindlichkeiten ist, was die Menschen sagen, die das Wort betrifft.
    Auch beim Thema Sexismus und sexualisierte Gewalt gegen Frauen stelle ich in den letzten Tagen immer wieder fest, wie einige Männer definieren wollen, was überhaupt darunter fällt, was davon für die Betroffenen schlimm ist (schlimm sein darf) und was schlimmer als etwas anderes. Und die ganze Zeit denke ich: Seid doch bitte mal einen Moment ruhig, nehmt euch zurück und hört zu.

    Insofern: Ich hoffe, dass noch viele deine Gedanken hier, auf Twitter oder Youtube lesen oder hören und du sie zum Nachdenken anregen kannst. 🙂

    • Vielen Dank für deine netten Worte 🙂 Da ich auf vielen Gebieten nun mal kein Experte bin, bleibt mir nun mal überwiegend das Zuhören und Nachdenken ^^

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2016 Mauerunkraut

Theme von Anders NorénHoch ↑

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers