Sie schreien auf

Sexismus ist ja schon seit längerem ein Thema. Nicht erst seit der Diskussion um die Frauenquote, nicht erst seit dem Vergewaltigungsfall in Indien und auch nicht erst seit dem eine Journalistin den Spitzenkandidaten einer Partei der sexuellen Belästigung bezichtigte.

Letzte Nacht begannen Frauen auf Twitter unter dem Hashtag #aufschrei ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse mit Sexismus, Belästigung und nicht zuletzt auch Übergriffen anzuprangern.

Als ich die Anfänge mitbekam, befürchtete ich, dass es ausufern könnte und man um die schlimmsten und krassesten Erlebnisse wetteifern würde, was glücklicherweise nicht der Fall war.

Die meisten Tweets interpretiere ich tatsächlich als einen Aufschrei, der wachrütteln und sagen will: „Seht her, die Probleme, die ihr ignoriert, leugnet und verharmlost – Sie sind echt! Sie sind wahr! Sie sind da!“

Bis in den späten Vormittag wurde darüber getwittert und es kamen immer mehr Frauen dazu. Das Feedback im Großen und Ganzen war positiv, die Chancen stehen gut, dass sich die Öffentlichkeit weiter mit dem Thema auseinandersetzt.

Natürlich gesellten sich auch kritische Stimmen dazu, die diese Aktion hinterfragten. Zurecht.

Selbst wenn wir die ganze nächste Woche unsere unschönen Erlebnisse twittern, so bewirkt dies alles nichts, wenn weder Mann noch Frau seine Grenzen im Alltag wahrnimmt. Man nimmt lediglich eine Opferrolle ein.

Frauen und auch Männer müssen lernen, Sexismus zu erkennen und (sofern möglich) sich dagegen wehren. Letzteres gestaltet sich natürlich schwierig, wenn man jemanden zahlenmäßig und körperlich unterlegen ist, man darf sich auch nicht unnötig in Gefahr begeben. Aber gerade im beruflichen wie privaten Umfeld, hat man die Möglichkeit aufzuklären und zu sensibilisieren, auch um den Preis, dass man als humorlos, hysterisch oder zumindest bei den Männern, als Weichei gilt.

Man vergisst nämlich gerne, dass nicht nur Frauen von dem Problem betroffen sind. Noch immer ist es für Frauen selbstverständlich, Handwerkliches und körperlich Anstrengendes lieber einem Mann zu überlassen, dass Männer grundsätzlich die Rechnung im Restaurant oder an der Kinokasse übernehmen und nicht zuletzt haben nicht wenige Mütter Bedenken, ob ein Mann für den Beruf des Kindergärtners geeignet wäre. Genauso gibt es genügend Frauen, die mit ihren Reizen und dem Beschützerinstinkt der Männer spielen, um an ihr Ziel zu kommen.

Männer haben aber gleichzeitig ein Problem mit ihren Geschlechtsgenossen, es ist scheinbar völlig normal als weniger männlich (und somit weniger wert) zu gelten, wenn Mann keinen Fußball mag, Mann weniger verdient als die Lebenspartnerin, Mann etwas sensibler ist und nicht zuletzt Mann eben schwul ist.

Hier sind wir auch schon bei der nächsten Gruppe, die von Sexismus betroffen ist: den Homosexuellen und zwar egal ob Männlich oder Weiblich. Schwule sind keine richtigen Männer, tragen gerne Kleider und zicken gerne rum, wie verkappte Diven. Warum sonst stellt es ein Problem dar, wenn homosexuelle Männer professionell Fußball spielen?
Genauso tragen Lesben kurze Haare und müssten nur von einem richtigen Mann „bekehrt“ werden, mal abgesehen davon, dass man nur durch schlechte Erfahrungen mit Männern „umgedreht“ wird.

Sexismus ist weitreichender, als es auf den ersten Blick scheint. Er trifft nicht nur Frauen und er geht auch nicht nur Feministinnen etwas an. Er betrifft uns alle. Und es wird sich nichts ändern, wenn wir uns nicht mit dem Problem auseinandersetzen und es relativieren.

Es geht darum, dass sich jeder Mensch frei entfalten kann, die selben Chancen im Leben bekommt und das wir alle friedlich miteinander auskommen.

Edit:
Anbei noch ein paar Lesetipps:
Zwischen Arschklaps und Aufschrei
Aufschrei und dann Stille
Brüderle im Geiste

Die Macht der Worte

Es wird mal wieder über den deutschen Sprachgebrauch gestritten. Grund dafür ist das Wort „Neger“, das ja schon länger auf der Liste der bösen Worte steht und wieder für Diskussionen sorgt, als ein Verlag erklärte, dieses aus dem Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ umzuformulieren.

Viele Journalisten und Feullitonisten beschweren sich über den voreiligen Gehorsam dieses Verlages (welcher erst durch einen Leserbrief auf den Begriff aufmerksam gemacht wurde), es ist sogar von einer Zensur die Rede. Viele Kommentare gehen weiter und befürchten ein Neusprech wie es George Orwell in seinem Roman 1984 beschrieben hat und nicht zuletzt den Untergang der deutschen Sprachkultur.

Und das alles nur wegen dem Wort „Neger“? Ist doch keine schlimme Bezeichnung, war es doch jahrelang sogar im Sprachgebrauch Gang und Gebe. Und plötzlich wurde erklärt, dass Neger eine Beleidigung für Schwarze sei und im gleichen Zug wurden Negerküsse in Schaumküsse unbenannt. Selbst Mohrenköpfe scheinen ausgestorben – ich kenne allerdings eine Bäckerei die Mohrenköpfe verkauft, die übrigens sehr lecker sind.

Für diejenigen, für die es normal war von „Negern“ zu sprechen, auch wenn sie es nicht als Beleidigung oder Abwertung meinten, sondern eben als Bezeichnung für jemanden mit sehr dunkler Hautfarbe, war es natürlich eine Umstellung. Nicht zuletzt sind etliche ja mit diesem Wort aufgewachsen und waren sich einer möglichen rassistischen Bedeutung nicht bewusst. Viele dieser Kinderbücher stammen eben auch aus jener Zeit und deswegen sind unter anderem in „Pippi Langstrumpf“ und in der „Kleinen Hexe“ eben jene Bezeichnungen zu lesen, zumindest in der Originalfassung. Man denke auch nur an das Lied von den „Zehn kleinen Negerlein“ Das Unverständnis darüber muss man dieser Generation zugestehen, ohne ihnen veraltete und rassistische Ansichten vorzuwerfen.

Ich gehöre zu der Generation, die das Wort „Neger“ bzw. „Nigger“ als Beleidigung für Schwarze kennen gelernt haben. So wurden sie nämlich bezeichnet, als sie als Sklaven nach Amerika kamen und selbst nach Abschaffung der Sklaverei wurden sie in Amerika noch bis ins 20. Jahrhundert als Menschen zweiter Klasse behandelt. Soll es einen da wundern, dass ein Dunkelhäutiger mit der Bezeichnung ein Problem hat? Oder dass dieses Wort einen rassistischen Unterton hat?

Ich habe einige Zeit in einer sehr fremdenfeindlichen Gegend gelebt, in denen sich türkische Schulkameraden u.a. als „Nigger“ bezeichnen lassen mussten und niemand, der dieses Wort in den Mund genommen hat, verwendete es wertefrei, um auf die dunkle Hautfarbe aufmerksam zu machen. Selbst ein afroamerikanischer Mitschüler, der im Religionsunterricht erklärte, Gott wäre für ihn Schwarz, wurde anschließend vom Lehrer zurecht gewiesen, dass man Gott nicht als „Nigger“ bezeichnete. Selbst ich war nicht selten mit Rassismus konfrontiert.

Genau deswegen sträube ich mich gegen das Wort „Neger“ im Alltagsgebrauch. Es hat für mich nicht diese wertefreie Bedeutung, die lediglich auf ein äußerliches Merkmal aufmerksam machte, eben weil ich es auch nie als solche erlebt habe. Unter Menschen zumindest. Denn auch ich habe „Die kleine Hexe“ gelesen, wusste aber, wie ich es zu nehmen hatte. Soll heißen, selbst wenn in einem Kinderbuch das Wort „Neger“ vorkomme, kann man auch einem Kind beibringen, dass man niemanden so bezeichnet, aus oben genannten Gründen.

Deswegen spreche ich mich nicht FÜR eine Umformulierung der Kinderbuchklassiker aus. Sehe aber sehr wohl den Diskussionbedarf darin und das soll auch bitte ausdiskutiert werden. Am besten mit Menschen die von diesen Bezeichnungen betroffen werden. Ein wenig muss ich ja schon schmunzeln, dass diese Neger-Diskussion überwiegend von Weißen geführt wird.

Wir müssen uns einfach unserer Kommunikation bewusst werden. So harmlos ein Wort oder eine Formulierung sein kann, so scharf kann sie bei jemand anderen ankommen. Und die Einstellung „Ich bin nur verantwortlich für das was ich sage und nicht für das, was du verstehst“ ist eine sehr egoistische Einstellung, gerade wenn man mit jemanden kommuniziert.

Wie steht ihr zu diesem Thema? Teilnehmer meiner heutigen Twitter-Diskussion sind natürlich auch eingeladen, wenn sie kein Problem haben sich zu wiederholen 🙂

Fun Fact: In Bayern ist der Ausspruch: „Ich bin nicht dein Neger!“ noch immer gebräuchlich, wenn es darum geht, sich gegen eine ungerechte Aufgabenteilung zu wehren.

Und jährlich grüßt die Apocalypse

Mitternacht, 21. Dezember 2012 – Endlich!

Für einige waren Twitter und Facebook schon nicht mehr brauchbar, weil der von den Mayas angekündigte Weltuntergang Thema Nummer 1 war (nur HerrTutorial konnte es mal wieder nicht lassen). Glücklicherweise ist morgen um diese Zeit alles wieder vorbei und wir können uns wieder dem Weihnachtstrubel widmen.

Weltuntergänge haben ja gerade zu Jahreswechseln eine lange Tradition, ich selbst erinnere mich an das Gerücht um einen Computer-GAU, bei dem in der Nacht zum 1. Januar 2000 alle Computer weltweit abstürzen sollten. Geglaubt habe ich es damals und schon allein aus Trotz hatte ich nach der Böllerei den Familiencomputer mal kurz für fünf Minuten eingeschaltet.

Heute morgen wurde ich von der Inspiration für folgendes Video überrannt, da ja ab morgen schon wieder alles vorbei ist und ich außerdem beruflich sehr eingespannt bin, musste jenes Filmchen innerhalb eines Tages geskripted, gedreht und verarbeitet werden. Aus diesem Grunde ist es nicht so geworden wie ich wollte, aber nichts desto trotz wollte ich es wenigstens zu Ende bringen.

Die Idee zu diesem Video kam mir beim Lesen diverser Artikel über die Gleichstellung der Homo-Ehe und über die Toleranz von Muslimen in Deutschland – und nicht zuletzt beim Lesen der jeweiligen Kommentare, die sich fast durchgehend sehr rassistisch und konservativ gegenüber dieser Bevölkerungsgruppen äußerten. Ich musste mich unweigerlich fragen, wie diese Menschenbild im Jahre 2012 in Deutschland noch derart verbreitet sein kann. Müssten wir im 21. Jahrhundert und gerade im aufgeklärten Westen nicht viel weiter entwickelt sein?

Da wir es ja scheinbar nicht sind, kann die Antwort nur lauten: es ist nicht 2012 und somit kann die Welt nicht untergehen.

Im Nachhinein betrachtet bin ich mir nicht sicher, ob ich das im Video hinreichend zum Ausdruck gebracht habe (ihr wisst ja, für Kritik bin ich immer offen)