Die Frauenquote – ein Kommentar-kommentier-Post

Ich hatte am Wochenende das Vergnügen, mit meinem Benutzerkollegen KWiNK ein Video zu machen. Passend zum Beschluss der Frauenquote, passend zum Internationalen Tag der Frauen, sollte es hier um ein simples Faktenvideo zur vieldiskutierten Frauenquote gehen:

Die Kommentare unter dem Video fallen beim Reizthema Frauenquote (wie bei allem, was mit Feminismus zu tun hat) entsprechend aus. Die Antworten, die ich auf viele Kommentare geben möchte, wären sich untereinander sehr ähnlich, weswegen mir gerade die Idee kam, ein paar Kommentare hier in einem Post zu beantworten.

Die Frauenquote ist doof und ungerecht

Ich hatte eigentlich gehofft, dass wir im Video klar gemacht hätten, dass wir die Quote (vor allem so, wie sie beschlossen wurde) nicht vollumfänglich unterstützen. Vielleicht wollten aber die Verfasser der Kommentare ihre Meinung dazu nur noch einmal unterstreichen und bekräftigen, wer weiß?
Ich bin generell kein Fan von Quotenregelungen. Nichts wäre mir lieber, als dass in dieser Welt Chancengleichheit herrschen würde und Quoten damit überhaupt nicht zur Debatte stünden. Tatsache ist aber, dass die Chancengleichheit oft nur in der Theorie besteht. Ein Problem, das nicht nur Frauen, sondern auch Menschen mit ausländischen Wurzeln oder Behinderungen betrifft. Dies wird sich auf lange Sicht auch nicht durch Quotenregelungen lösen lassen – es braucht einen soziokulturellen Wandeln in unseren Köpfen, die Möglichkeit, Menschen entsprechend ihrer Neigungen und Eignungen zu fördern, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Sexualität, körperlicher Behinderungen usw. Und zwar von klein auf und konsequent.
Es gibt die kleine Hoffnung, dass mit der Frauenquote in Führungsebenen eben jener Kulturwandel eingeleitet wird und im weiteren Verlauf Gerechtigkeit geschaffen wird. Dies bleibt aber abzuwarten. Ganz abgesehen davon, profitieren von dieser beschlossenen Quote nur eine handvoll Frauen. Die Mehrheit der berufstätigen Frauen haben gänzlich andere Probleme als die Chance auf einen Sitz im Aufsichtsrat.

Frauen/Männer wollen nun mal …

Es ist immer wieder interessant, zu sehen, wie fest Geschlechterstereotype noch in unseren Köpfen sitzen. Ich will nicht abstreiten, dass es viele Frauen gibt mit der Neigung X und viele Männer mit einer Neigung Y – legitimiert uns das aber schon dazu, sprichwörtlich alle über einen Kamm zu scheren? Wollen wir Menschen nur anhand ihres Geschlechts Eigenschaften und Vorlieben zuordnen? Oder wollen wir nicht doch versuchen, Menschen ganz frei von der Schublade „Geschlecht“ die Möglichkeit zu geben, sich in ihrer Persönlichkeit zu entfalten und ihre Eignungen und Neigungen zu entwickeln?
Die fein sortierte Schublade „Geschlecht“ führt nämlich gerne zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wenn ich der Meinung bin, jemand sei gut oder schlecht in irgendwas, werde ich dies bewusst und unbewusst an ihn weitergeben. Die Wahrscheinlichkeit, dass der/die Betroffene dies annimmt, ist groß, insbesondere wenn scheinbar das ganze Umfeld der selben Meinung ist.
Männer sind, und Frauen aber auch.

Frauenberufe

Natürlich gibt es sie noch, die Berufe mit einem hohen Frauenanteil. Gerade im Sozial- und Gesundheitswesen. Dass Frauen häufiger Berufe aus diesem Spektrum ergreifen, wird ja auch gerne als Grund angeführt, weshalb sie im Gesamtvergleich weniger verdienen als Männer – was aber leider auch bedeutet: Wenn ihr Karriere machen und Geld verdienen wollt, solltet ihr keinen dieser Berufe ergreifen.
Ein Problem in diesen Berufen ist nicht nur, dass sie schlechter bezahlt, sondern eben auch wahnsinnig unterschätzt werden. In einem der Kommentare war von „quatschen und mit Kindern spielen“ die Rede. Natürlich redet man sehr viel und im Kinder- und Jugendbereich werden auch sehr viele Spiele gespielt, dies dient meist aber weniger der Beschäftigung als solcher, sondern hat einen pädagogischen und therapeutischen Hintergrund – für Pädagoginnen, Therapeutinnen und Pflegerinnen ist das Arbeit. Ähnliches gilt in pflegerischen Berufen, wo sehr viele Menschen glauben, es ginge nur um Nächstenliebe.
Man erkennt den hohen Anspruch ein Unternehmen zu leiten, man erkennt ihn, wenn Technik entwickelt und angewandt wird, aber bei der Betreuung von Menschen unterschiedlicher Entwicklungsstufen, Hintergründen, Krankheiten, Problemen und Befähigungen erkennt man ihn nicht an.

Frauen bekommen nun mal Kinder

Das ist richtig. Und ja, Kindererziehung braucht Zeit, Aufmerksamkeit und Energie. Kindererziehung und Karriere gleichzeitig wird schwierig, man muss Kompromisse schließen und Abstriche machen. Ich frage mich aber: warum wird das nur von den Müttern erwartet? Warum können Eltern sowohl die Kindererziehung als auch die Abstriche im Berufsleben nicht gemeinsam tragen? Abgesehen von Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit, sehe ich keinen Grund Väter die Eignung für die Versorgung und Erziehung ihres eigenen Nachwuchses nicht anzuerkennen. Ich halte es sehr wohl für möglich die Familienarbeit gerecht aufzuteilen. Es grenzt beinahe schon an Diskriminierung, dass Männern die Erziehung ihres eigenen Kindes nicht zugetraut wird.
Dies erfordert natürlich nicht nur ein Umdenken bei den Eltern selbst, sondern auch in der Arbeitswelt. Es sollte doch möglich sein, dass auch Väter länger als die obligatorischen zwei Monate Elternzeit nehmen, oder selbst in Teilzeit gehen.
Allerdings bin in dieser Hinsicht zuversichtlicher und glaube, dass das Umdenken bei den jungen Eltern mittlerweile begonnen hat (Generation Y lässt grüßen) – bei einem Großteil der Unternehmen sieht dies aber noch nicht danach aus.

Ein anderer Punkt, der mir hierzu einfällt, ist natürlich die Frage, warum auch Frauen nach ihrer Erziehungszeit nur schwer an ihre Karriere wieder anknüpfen können. Ein Grund liegt natürlich in der Ausfallzeit die, je länger sie ist, eine umso größere Hürde bei der Rückkehr in den Beruf darstellt. Aber geben wir damit nicht auch viel Potenzial einfach auf? Gerade in Zeiten, in denen wir über immer späteres Rentenalter diskutieren, sollten wir uns die Frage stellen, ob wir ArbeitnehmerInnen nicht doch die Möglichkeit geben sollen, sich auch im fortgeschrittenen Alter weiterzuentwickeln.

Fazit

Nun beim Durchlesen fällt mir natürlich auf, dass ich mich mit meinen Ausführungen sehr weit weg von der Frauenquote bewegt habe. Ein Grund dafür ist, dass die hier angeführten Kommentare die entsprechenden Themen ansprachen – teilweise um die nachteilige Situation für Frauen im Beruf zu erklären, wenn nicht sogar rechtzufertigen. Sie wird als gegeben hingenommen.

Was wohl noch deutlicher wird: die Baustellen, die Frauen im Beruf betreffen, sind komplexer und vielschichtiger. Durch eine simple Maßnahme wie eine Quotenregelung auch nicht zu lösen. Das schlimmste was wir tun können, ist uns zurückzulehnen und die Quote „mal machen zu lassen“

Sie schreien auf

Sexismus ist ja schon seit längerem ein Thema. Nicht erst seit der Diskussion um die Frauenquote, nicht erst seit dem Vergewaltigungsfall in Indien und auch nicht erst seit dem eine Journalistin den Spitzenkandidaten einer Partei der sexuellen Belästigung bezichtigte.

Letzte Nacht begannen Frauen auf Twitter unter dem Hashtag #aufschrei ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse mit Sexismus, Belästigung und nicht zuletzt auch Übergriffen anzuprangern.

Als ich die Anfänge mitbekam, befürchtete ich, dass es ausufern könnte und man um die schlimmsten und krassesten Erlebnisse wetteifern würde, was glücklicherweise nicht der Fall war.

Die meisten Tweets interpretiere ich tatsächlich als einen Aufschrei, der wachrütteln und sagen will: „Seht her, die Probleme, die ihr ignoriert, leugnet und verharmlost – Sie sind echt! Sie sind wahr! Sie sind da!“

Bis in den späten Vormittag wurde darüber getwittert und es kamen immer mehr Frauen dazu. Das Feedback im Großen und Ganzen war positiv, die Chancen stehen gut, dass sich die Öffentlichkeit weiter mit dem Thema auseinandersetzt.

Natürlich gesellten sich auch kritische Stimmen dazu, die diese Aktion hinterfragten. Zurecht.

Selbst wenn wir die ganze nächste Woche unsere unschönen Erlebnisse twittern, so bewirkt dies alles nichts, wenn weder Mann noch Frau seine Grenzen im Alltag wahrnimmt. Man nimmt lediglich eine Opferrolle ein.

Frauen und auch Männer müssen lernen, Sexismus zu erkennen und (sofern möglich) sich dagegen wehren. Letzteres gestaltet sich natürlich schwierig, wenn man jemanden zahlenmäßig und körperlich unterlegen ist, man darf sich auch nicht unnötig in Gefahr begeben. Aber gerade im beruflichen wie privaten Umfeld, hat man die Möglichkeit aufzuklären und zu sensibilisieren, auch um den Preis, dass man als humorlos, hysterisch oder zumindest bei den Männern, als Weichei gilt.

Man vergisst nämlich gerne, dass nicht nur Frauen von dem Problem betroffen sind. Noch immer ist es für Frauen selbstverständlich, Handwerkliches und körperlich Anstrengendes lieber einem Mann zu überlassen, dass Männer grundsätzlich die Rechnung im Restaurant oder an der Kinokasse übernehmen und nicht zuletzt haben nicht wenige Mütter Bedenken, ob ein Mann für den Beruf des Kindergärtners geeignet wäre. Genauso gibt es genügend Frauen, die mit ihren Reizen und dem Beschützerinstinkt der Männer spielen, um an ihr Ziel zu kommen.

Männer haben aber gleichzeitig ein Problem mit ihren Geschlechtsgenossen, es ist scheinbar völlig normal als weniger männlich (und somit weniger wert) zu gelten, wenn Mann keinen Fußball mag, Mann weniger verdient als die Lebenspartnerin, Mann etwas sensibler ist und nicht zuletzt Mann eben schwul ist.

Hier sind wir auch schon bei der nächsten Gruppe, die von Sexismus betroffen ist: den Homosexuellen und zwar egal ob Männlich oder Weiblich. Schwule sind keine richtigen Männer, tragen gerne Kleider und zicken gerne rum, wie verkappte Diven. Warum sonst stellt es ein Problem dar, wenn homosexuelle Männer professionell Fußball spielen?
Genauso tragen Lesben kurze Haare und müssten nur von einem richtigen Mann „bekehrt“ werden, mal abgesehen davon, dass man nur durch schlechte Erfahrungen mit Männern „umgedreht“ wird.

Sexismus ist weitreichender, als es auf den ersten Blick scheint. Er trifft nicht nur Frauen und er geht auch nicht nur Feministinnen etwas an. Er betrifft uns alle. Und es wird sich nichts ändern, wenn wir uns nicht mit dem Problem auseinandersetzen und es relativieren.

Es geht darum, dass sich jeder Mensch frei entfalten kann, die selben Chancen im Leben bekommt und das wir alle friedlich miteinander auskommen.

Edit:
Anbei noch ein paar Lesetipps:
Zwischen Arschklaps und Aufschrei
Aufschrei und dann Stille
Brüderle im Geiste

Die Macht der Worte

Es wird mal wieder über den deutschen Sprachgebrauch gestritten. Grund dafür ist das Wort „Neger“, das ja schon länger auf der Liste der bösen Worte steht und wieder für Diskussionen sorgt, als ein Verlag erklärte, dieses aus dem Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ umzuformulieren.

Viele Journalisten und Feullitonisten beschweren sich über den voreiligen Gehorsam dieses Verlages (welcher erst durch einen Leserbrief auf den Begriff aufmerksam gemacht wurde), es ist sogar von einer Zensur die Rede. Viele Kommentare gehen weiter und befürchten ein Neusprech wie es George Orwell in seinem Roman 1984 beschrieben hat und nicht zuletzt den Untergang der deutschen Sprachkultur.

Und das alles nur wegen dem Wort „Neger“? Ist doch keine schlimme Bezeichnung, war es doch jahrelang sogar im Sprachgebrauch Gang und Gebe. Und plötzlich wurde erklärt, dass Neger eine Beleidigung für Schwarze sei und im gleichen Zug wurden Negerküsse in Schaumküsse unbenannt. Selbst Mohrenköpfe scheinen ausgestorben – ich kenne allerdings eine Bäckerei die Mohrenköpfe verkauft, die übrigens sehr lecker sind.

Für diejenigen, für die es normal war von „Negern“ zu sprechen, auch wenn sie es nicht als Beleidigung oder Abwertung meinten, sondern eben als Bezeichnung für jemanden mit sehr dunkler Hautfarbe, war es natürlich eine Umstellung. Nicht zuletzt sind etliche ja mit diesem Wort aufgewachsen und waren sich einer möglichen rassistischen Bedeutung nicht bewusst. Viele dieser Kinderbücher stammen eben auch aus jener Zeit und deswegen sind unter anderem in „Pippi Langstrumpf“ und in der „Kleinen Hexe“ eben jene Bezeichnungen zu lesen, zumindest in der Originalfassung. Man denke auch nur an das Lied von den „Zehn kleinen Negerlein“ Das Unverständnis darüber muss man dieser Generation zugestehen, ohne ihnen veraltete und rassistische Ansichten vorzuwerfen.

Ich gehöre zu der Generation, die das Wort „Neger“ bzw. „Nigger“ als Beleidigung für Schwarze kennen gelernt haben. So wurden sie nämlich bezeichnet, als sie als Sklaven nach Amerika kamen und selbst nach Abschaffung der Sklaverei wurden sie in Amerika noch bis ins 20. Jahrhundert als Menschen zweiter Klasse behandelt. Soll es einen da wundern, dass ein Dunkelhäutiger mit der Bezeichnung ein Problem hat? Oder dass dieses Wort einen rassistischen Unterton hat?

Ich habe einige Zeit in einer sehr fremdenfeindlichen Gegend gelebt, in denen sich türkische Schulkameraden u.a. als „Nigger“ bezeichnen lassen mussten und niemand, der dieses Wort in den Mund genommen hat, verwendete es wertefrei, um auf die dunkle Hautfarbe aufmerksam zu machen. Selbst ein afroamerikanischer Mitschüler, der im Religionsunterricht erklärte, Gott wäre für ihn Schwarz, wurde anschließend vom Lehrer zurecht gewiesen, dass man Gott nicht als „Nigger“ bezeichnete. Selbst ich war nicht selten mit Rassismus konfrontiert.

Genau deswegen sträube ich mich gegen das Wort „Neger“ im Alltagsgebrauch. Es hat für mich nicht diese wertefreie Bedeutung, die lediglich auf ein äußerliches Merkmal aufmerksam machte, eben weil ich es auch nie als solche erlebt habe. Unter Menschen zumindest. Denn auch ich habe „Die kleine Hexe“ gelesen, wusste aber, wie ich es zu nehmen hatte. Soll heißen, selbst wenn in einem Kinderbuch das Wort „Neger“ vorkomme, kann man auch einem Kind beibringen, dass man niemanden so bezeichnet, aus oben genannten Gründen.

Deswegen spreche ich mich nicht FÜR eine Umformulierung der Kinderbuchklassiker aus. Sehe aber sehr wohl den Diskussionbedarf darin und das soll auch bitte ausdiskutiert werden. Am besten mit Menschen die von diesen Bezeichnungen betroffen werden. Ein wenig muss ich ja schon schmunzeln, dass diese Neger-Diskussion überwiegend von Weißen geführt wird.

Wir müssen uns einfach unserer Kommunikation bewusst werden. So harmlos ein Wort oder eine Formulierung sein kann, so scharf kann sie bei jemand anderen ankommen. Und die Einstellung „Ich bin nur verantwortlich für das was ich sage und nicht für das, was du verstehst“ ist eine sehr egoistische Einstellung, gerade wenn man mit jemanden kommuniziert.

Wie steht ihr zu diesem Thema? Teilnehmer meiner heutigen Twitter-Diskussion sind natürlich auch eingeladen, wenn sie kein Problem haben sich zu wiederholen 🙂

Fun Fact: In Bayern ist der Ausspruch: „Ich bin nicht dein Neger!“ noch immer gebräuchlich, wenn es darum geht, sich gegen eine ungerechte Aufgabenteilung zu wehren.