Online-Sucht?

Wenn ich aufwache, noch bevor ich aufstehe, werfe ich einen Blick auf mein Handy. Ich überzeuge mich, dass es in den letzten Stunden auch tatsächlich nichts wichtiges auf Twitter geschrieben wurde. Und wenn mir ein Spruch einfällt, dann twittere ich ihn auch gleich.

Je nachdem wie mein Tag verläuft (was sind geregelte Arbeitszeiten?), werfe ich hin und wieder auch einen Blick auf Twitter und Facebook. Meist wenn mir langweilig ist. Wonach suche ich eigentlich? Berieselung, leichte Unterhaltung, ein flotter Spruch der mich zum Lachen bringt.

Nachmittags surfe ich auf Twitter, YouTube und Facebook. Oft unterhalte ich mich, kommentiere Fotos oder bekunde mein Gefallen daran.

Wenn ich gerade zu bequem bin selbst etwas zu schreiben oder ein Video zu machen, dann lass ich mich auf YouTube berieseln.

Nachrichten und Zeitungsartikel lese ich online.

Und wenn ich schlafen gehe, suche ich mir ein eintöniges langweiliges Video aus, bei dem ich wunderbar einschlafen kann. (Falls es jemanden interessiert: lange Zeit war das Videoamts „Mehr Abonnenten“ – seine Kanalschließung hat mich sozusagen um den Schlaf gebracht)

Hätte mich ein Drogenbeauftragter des Bundesministerium für Gesundheit nach meinen Internetgewohnheiten gefragt, hätte mich dieser wohl in die Kategorie „süchtig“ gesteckt. Einfach nur weil ich im Internet viel mache und dementsprechend häufig online bin. Aber bin ich, genau wie 560.000 andere Menschen in Deutschland „süchtig“?

Wikipedia definiert die Onlinesucht folgendermaßen:

Mit Internetabhängigkeit, auch Internet- oder Onlinesucht wird das Phänomen bezeichnet, das Internet übermäßig, das heißt gesundheits- und persönlichkeitsgefährdend zu nutzen. Im englischen Sprachraum finden sich die Begriffe „internet addiction (disorder)“, „pathological internet use“ und „compulsive internet use“, also pathologische bzw. zwanghafte Verwendung des Internet, die damit das Problemfeld auch besser beschreiben. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Internetabh%C3%A4ngigkeit)

Vor ein paar Tagen wurde eine Studie des Gesundheitsministerium veröffentlicht, die einer halben Million Menschen genau das attestierte. Zumindest wurde belegt, dass sich diese Anzahl an Menschen sehr häufig und sehr lange das Internet nutzt, was mich in Zeiten von Facebook und Smartphones nicht wirklich überrascht. Mittlerweile haben sämtliche Haushalte und Institutionen in Deutschland einen Zugang zum Internet. Es ist mittlerweile überall verfügbar und wird entsprechend von der Bevölkerung genutzt.

Ich gebe zu, dass ich das Internet nicht immer nutze um mich weiterzubilden und Informationen zu sammeln. Oft genug vertrödel ich meine Zeit mit purer Unterhaltung, also Spiele, Videos und Twitter.

Aber wo beginnt eigentlich diese „pathologische Verwendung des Internet“? Ist sie allein von der Dauer abhängig? Und warum ist dies nur beim Internet so und nicht beim Fernsehen? Laut dem Artikel von Spiegel Online wurde das Fernsehen als solches ausgeschlossen, weil ein mögliches Vernachlässigen von sozialen Kontakten hier nicht als „pathologisch“ eingeschätzt wird. Und weil man im Internet mit anderen Menschen interagieren und soziale Kontakte pflegen kann, ist man eher dazu geneigt das „Sozialleben in größerem Ausmaß aufzugeben“.

Ich habe weniger Sozialleben, weil ich meine sozialen Kontakte woanders pflege.

Ja das stimmt schon. Ich treffe mich nicht regelmäßig mit Menschen in Cafés oder Vereinen, genauso wenig bin ich jedes Wochenende auf irgendeiner Party präsent.

Dafür unterhalt ich mich in der Woche mehrmals mit Menschen mit denen ich die selben Interessen habe und mit denen ich deutlich interessantere und inspirierendere Gespräche führe, als es mit dem Großteil meiner Bekannten und Kollegen, denen ich tagtäglich begegne, möglich wäre.

Die Menschen, mit denen ich „online“ regelmäßig Kontakt habe, sind sogar diejenigen, auf die ich mich in Notlagen zu 100% verlassen könnte. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, einen solchen Menschen einfach so zu begegnen, muss ich an dieser Stelle wohl nicht erwähnen.

Auch meiner Meinungsbildung hat dies nicht schlecht getan. Nicht zuletzt auch wegen einer gewissen Distanz, fällt es mir leichter mein Verhalten und das anderer zu reflektieren und auch Situationen zu analysieren. Ich habe sehr unterschiedliche Menschen kennen gelernt und auch durch Austausch mit ihnen, neue Erkenntnisse zu verschiedenen Themen erhalten, weil man hier auch einmal eine Situation oder ein Problem aus einem anderen Blickwinkel erklärt bekommt.

Wie wäre meine Meinungsbildung wohl verlaufen, wenn ich am Tag vier Stunden fernsehen würde?

Böse Zungen und Verschwörungstheoretiker behaupten, dass „das Internet“ in einem schlechten Licht dargestellt werden soll, damit sich die Menschen nicht vom Mainstream entfernen und sich keine zusätzlichen Informationen zum Tagesgeschehen holen.

Ob diese Studie hier genau darauf abzielte? Ich weiß es nicht.

Was die Online-Sucht betrifft: Eine Sucht erkennt man in der Regel dann, wenn man eine Zeitspanne ohne auskommen muss. Und Entzugserscheinungen hatte ich nach einer kurzfristigen Abstinenz nie. Lediglich Nachholbedarf.