Die unerträgliche Befindlichkeit der Normalität

Mein guter Benutzerkollege Tarik Tesfu hat vor einer Weile ein wunderbares Video zu einem Thema veröffentlicht, über das ich mir schon seit längerem meine Gedanken mache: Normalität

Normalität ist ein Konstrukt der Mehrheit, ein sehr dynamisches Konstrukt, das sich mit seiner Mehrheit verändert. Dennoch definiert es sich vor allem darüber, was als nicht normal gilt: Es schließt aus, was nicht dazugehört.

Die Normalität ist (…) möglicherweise gar kein klar umrissener, kein wirklich existierender Zustand. Sie ist etwas virtuelles, das sich abhängig von ziemlich banalen Einflussfaktoren (Quantität, Gewohnheit, Bekanntheit …) laufend neu in unseren Köpfen (ein-)bildet.
aus „Die Frau in mir“ von Christian Seidl

Dazu muss man sich aber gar nicht erst in Geschlecht oder Sexualität von der Mehrheit unterscheiden.  Oder Abstammung, Religion, oder Ernährung. Ganz zu schweigen von Einschränkungen jeglicher Art. Das freie Leben unter Normalos läuft immer nur so lange, bis man an die Grenzen der Normalität stößt. Dann wird den Mitmenschen – mindestens aber einem selbst – bewusst, wie anders man ist.

Die Normalität ist das eigentliche Extrem. Hält man einmal etwas für normal, verfestigt sich sofort die Auffassung, dass das jetzt der alleinige Maßstab der Dinge ist. Man tendiert aus dieser Haltung leichter dazu, Menschen zu kritiseren, die nicht innerhalb des selbst festgelegten (oder von der Gesellschaft auferlegten) Normalitätsradius zu leben. Das hat fast etwas Totalitäres. Es fehlt der Normalität an Lebendigkeit. Weil sie alles ausgrenzt, was nicht zu ihr gehört. Somit wäre sie die Quelle der Diskriminierung.
aus „Die Frau in mir“ von Christian Seidl

Mich irritiert allerdings immer wieder, wie sich die Normalität der Mehrheit nicht nur schwer tut andere neben sich zu akzeptieren, sondern sich sogar noch von ihnen bedroht fühlt, sobald sie sich ein wenig Raum verschaffen. Es wird von Bioterrorismus gesprochen, weil es mehr Vegetarier und Veganer gibt und immer mehr Restaurants und Supermärkte ihr Sortiment entsprechend anpassen. Man fürchtet um die Gesellschaft und ihre Werte, wenn Frauen für sich entschließen, keine Kinder zu bekommen. Oder wenn Frauen freiwillig und gerne Hijab tragen. Die unreflektierte Angst vor Übersexualisierung und Umerziehung treibt zahlreiche Menschen auf die Straße, wenn LGBTI als Teil unserer Gemeinschaft thematisiert werden sollen. Vom Tugendterror ganz zu schweigen: das N-Wort, sexistische und rassistische Witze, ja unleidige Menschen darf man nicht einmal mehr schwul oder behindert nennen.

Die Mehrheit hat kein Problem mit dem Leben so wie die Mehrheit es gestaltet. Aber „wir haben ständig neue gekränkte Minderheiten“, wie Birgit Kelle vor mehreren Wochen feststellte. Diese gekränkten Minderheiten, die das Leben und die Normalität genauso mitgestalten wollen wie die Mehrheit. Als gleichberechtigte und gleichwertige Individuen dieser Gesellschaft. Natürlich ist es leichter, das Zusammenleben zu regeln, wenn einfach alle der gleichen vorherrschenden Normalität angehören. Wollen wir aber eine offene Gesellschaft sein, so wie wir uns zumindest gerne sehen, müssen wir aber auch den gekränkten Minderheiten Platz an unserer Seite geben, dann sind sie auch weniger gekränkt. Und wir Normalen dann auch.

Sie schreien auf

Sexismus ist ja schon seit längerem ein Thema. Nicht erst seit der Diskussion um die Frauenquote, nicht erst seit dem Vergewaltigungsfall in Indien und auch nicht erst seit dem eine Journalistin den Spitzenkandidaten einer Partei der sexuellen Belästigung bezichtigte.

Letzte Nacht begannen Frauen auf Twitter unter dem Hashtag #aufschrei ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse mit Sexismus, Belästigung und nicht zuletzt auch Übergriffen anzuprangern.

Als ich die Anfänge mitbekam, befürchtete ich, dass es ausufern könnte und man um die schlimmsten und krassesten Erlebnisse wetteifern würde, was glücklicherweise nicht der Fall war.

Die meisten Tweets interpretiere ich tatsächlich als einen Aufschrei, der wachrütteln und sagen will: „Seht her, die Probleme, die ihr ignoriert, leugnet und verharmlost – Sie sind echt! Sie sind wahr! Sie sind da!“

Bis in den späten Vormittag wurde darüber getwittert und es kamen immer mehr Frauen dazu. Das Feedback im Großen und Ganzen war positiv, die Chancen stehen gut, dass sich die Öffentlichkeit weiter mit dem Thema auseinandersetzt.

Natürlich gesellten sich auch kritische Stimmen dazu, die diese Aktion hinterfragten. Zurecht.

Selbst wenn wir die ganze nächste Woche unsere unschönen Erlebnisse twittern, so bewirkt dies alles nichts, wenn weder Mann noch Frau seine Grenzen im Alltag wahrnimmt. Man nimmt lediglich eine Opferrolle ein.

Frauen und auch Männer müssen lernen, Sexismus zu erkennen und (sofern möglich) sich dagegen wehren. Letzteres gestaltet sich natürlich schwierig, wenn man jemanden zahlenmäßig und körperlich unterlegen ist, man darf sich auch nicht unnötig in Gefahr begeben. Aber gerade im beruflichen wie privaten Umfeld, hat man die Möglichkeit aufzuklären und zu sensibilisieren, auch um den Preis, dass man als humorlos, hysterisch oder zumindest bei den Männern, als Weichei gilt.

Man vergisst nämlich gerne, dass nicht nur Frauen von dem Problem betroffen sind. Noch immer ist es für Frauen selbstverständlich, Handwerkliches und körperlich Anstrengendes lieber einem Mann zu überlassen, dass Männer grundsätzlich die Rechnung im Restaurant oder an der Kinokasse übernehmen und nicht zuletzt haben nicht wenige Mütter Bedenken, ob ein Mann für den Beruf des Kindergärtners geeignet wäre. Genauso gibt es genügend Frauen, die mit ihren Reizen und dem Beschützerinstinkt der Männer spielen, um an ihr Ziel zu kommen.

Männer haben aber gleichzeitig ein Problem mit ihren Geschlechtsgenossen, es ist scheinbar völlig normal als weniger männlich (und somit weniger wert) zu gelten, wenn Mann keinen Fußball mag, Mann weniger verdient als die Lebenspartnerin, Mann etwas sensibler ist und nicht zuletzt Mann eben schwul ist.

Hier sind wir auch schon bei der nächsten Gruppe, die von Sexismus betroffen ist: den Homosexuellen und zwar egal ob Männlich oder Weiblich. Schwule sind keine richtigen Männer, tragen gerne Kleider und zicken gerne rum, wie verkappte Diven. Warum sonst stellt es ein Problem dar, wenn homosexuelle Männer professionell Fußball spielen?
Genauso tragen Lesben kurze Haare und müssten nur von einem richtigen Mann „bekehrt“ werden, mal abgesehen davon, dass man nur durch schlechte Erfahrungen mit Männern „umgedreht“ wird.

Sexismus ist weitreichender, als es auf den ersten Blick scheint. Er trifft nicht nur Frauen und er geht auch nicht nur Feministinnen etwas an. Er betrifft uns alle. Und es wird sich nichts ändern, wenn wir uns nicht mit dem Problem auseinandersetzen und es relativieren.

Es geht darum, dass sich jeder Mensch frei entfalten kann, die selben Chancen im Leben bekommt und das wir alle friedlich miteinander auskommen.

Edit:
Anbei noch ein paar Lesetipps:
Zwischen Arschklaps und Aufschrei
Aufschrei und dann Stille
Brüderle im Geiste