Die junge Witwe

Claudine schenkte den Wein ins Glas ein, sehr darauf bedacht, nichts zu verschütten. Sie hatte ihr Bett an jenem Tage mit ihren besten Laken aus weißem Satin bezogen, sie wollte keine Rotweinflecken darauf wissen. Während die junge Frau den Wein atmen ließ, ging sie zu dem großen blank geputzten Spiegel an der Wand. Die Schatten unter ihren verquollenen roten Augen waren wie wegradiert, ebenso strahlte ihre rosige Haut, die am Tag zuvor noch fahl und grau erschien. Claudine bewunderte was sie im Spiegel sah. Das gleiche Make Up, die selbe Friseur. Sie sah aus wie am Tage ihrer Hochzeit. Noch ehe sie den Gedanken an ihren Hochzeitstag zu Ende gedacht hatte, blickte sie traurig zum Bild ihres Ehemannes auf der altmodischen Anrichte. Sie senkte den Blick und schritt auf den großen Kleiderschrank zu, an dessen Tür das cremefarbene mit Spitzen besetzte Brautkleid hing. Sie nahm die herrliche Pracht vom Bügel und kleidete sich sorgsam an. Es dauerte einige Zeit, bis sie angezogen war. Das Kleid saß etwas locker, das Resultat monatelanger Appetitlosigkeit, dennoch war Claudine zufrieden mit ihrem Anblick. Alles war genauso wie am Tag ihrer Hochzeit. Sie dachte an ihren großen Tag und an das Glück in dem sie mit ihrem Bräutigam schwelgte. Seufzend ging sie wieder zu dem kleinen Tisch neben dem Bett. Sie nahm das Glas in die Hände und sog den Duft des Weines ein. Ein vertrauter Duft. Es war der Wein, den sie mit ihrem Mann am liebsten trank. So auch am Tag ihrer Hochzeit. So auch am letzten Abend ihrer Flitterwochen, bevor sie gemeinsam als Ehepaar in den Alltag zurückkehrten. Claudine nahm einen Schluck. Mit geschlossenen Augen konzentrierte sie sich auf den Geschmack, die milde Säure, nahm alle diese Wahrnehmungen in sich auf. Für einen Moment stand sie vor dem Tisch hielt das Glas mit beiden Händen und spürte wie die Wärme des roten Weines sich von ihrem Magen aus in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Sie genoss diesen Augenblick.
Als ihre Mutter von ihrem Friseurtermin hörte, glaubte sie, dass Claudine nach Wochen und Monaten der Trauer wieder ins Leben zurückkehren würde. Doch sie wollte dieses Leben nicht mehr. Sie wollte das Leben mit ihrem geliebten Mann, mit dem Haus, das sie gemeinsam bauen wollten und mit den Kindern, die sie bekommen wollten – dieses und kein anderes. Sie nahm die Tablettenschachtel neben der Flasche und begann die Tabletten nacheinander aus dem Blister zu drücken. Eine Weile blickte sie das Häufchen Pillen in ihrer zitternden Hand an. Ihr Körper hatte Angst, doch Claudine war fest entschlossen. „Bis dass der Tod uns scheidet“, hatten sie sich geschworen, doch sie wird nicht zulassen, dass der Tod sie trennte. Sie warf die Tabletten in ihren Mund und trank einen großzügigen Schluck Wein nach. Sie legte sich ins Bett und wartete darauf einzuschlafen und darauf beim Erwachen in die Augen ihres geliebten Theodor zu blicken. Ihn endlich in die Arme zu nehmen und nie mehr zu verlassen. Alles wurde schwerer. Claudine glaubte nun in einen friedlichen Schlaf zu sinken, als sie spürte wie jemand ihre Hand nahm und über ihr Gesicht strich. „Wach auf, Claudine!“ Sie kannte die Stimme, die zu ihr sprach, aber das konnte und durfte nicht sein. Nun kämpfte ihr Geist gegen die Müdigkeit, versuchte mit Gewalt ihre Augen zu öffnen. „Mach die Augen auf, mein Herz!“, hörte sie die Stimme wieder rufen. Sie öffnete die Augen, sah die verschwommenen Umrisse eines Mannes über sich. Claudine kämpfte, sie wollte wieder zu sich kommen. Sie wollte klar sehen, sich von einer Täuschung überzeugen. Sie versuchte die Finger zu bewegen, dann die Hände, und nach und nach ihre Arme zu heben, um sich auf ihnen abzustützen. Ihr Blick klärte sich. „Du darfst doch noch nicht gehen“, sagte der junge Mann, dessen Gesicht Claudine unter tausenden wieder erkannt hätte.
„Theo?“, fragte Claudine vorsichtig. „Wie …?“
„Gottseidank, bist du wieder wach“, sagte er und nahm sie in den Arm.
„Aber du bist tot! Ich habe dich im Krankenhaus sterben sehen.“
Er reagierte nicht darauf, sondern versuchte ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Claudine zog ihr Gesicht zurück und versuchte geschwind aufzustehen, doch aufgrund ihrer müden Beine fiel sie vom Bett. „Was bist du?!“, rief sie laut und entsetzt, die Erscheinung nicht akzeptieren wollend.
„Erkennst du mich denn nicht mehr?“
„Du bist tot! Ich habe dich zu Grabe getragen!“ Ihre angsterfüllten Augen füllten sich mit Tränen. Er trug sogar den Smoking, in dem er begraben wurde. Sein Hochzeitsanzug.
„Aber ich bin doch hier“, er kam vorsichtig auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Gib mir deine Hand. Bitte.“
Claudine zögerte. Sie konnte die Erscheinung ihres verstorbenen Mannes noch immer nicht akzeptieren. Während sie ihm in die Augen sah, hob sie aber doch ihre Hand. Er nahm sie in die seine. „Fühlst du es?“, fragte er. Sie nickte. „Fühlt es sich nicht echt an?“, fragte er. Claudine nickte ungläubig. „Ja, aber …“, sie schluckte. „Ich hab dich sterben sehen … Im Krankenhaus …“
„Ich weiß“, antwortete er ruhig und rutschte etwas näher auf sie zu.
„Warum bist du dann hier?“, fragte sie ihn.
„Ich weiß es nicht, aber ich bin froh, bei dir sein zu dürfen“, sagte er und strich ihr mit einer Hand über  die Wange. „Bist du auch froh?“
„Ja … Nein … Das macht keinen Sinn …“, Claudine schüttelte den Kopf. „Bist du ein Geist? Oder bist du ein Traum?“
„Wäre ich ein Geist, würdest du meine Hand spüren können?“, er zog sie nach oben. Ihre Beine wackelten noch immer, so hielt er sie an ihrer Hüfte fest, darauf bedacht, ihr nicht auf die Spitzen ihres Brautkleides zu treten. „Du bist wunderschön.“
„Ist das alles nur ein Traum?“, fragte sie.
„Wer weiß schon, was Traum und Wirklichkeit ist. Ist das, was wir Wirklichkeit nennen, nicht vielleicht doch nur ein Traum? Und wenn, was würde es ändern? Wir sind zusammen und das zählt.“ Er nahm sie fest in den Arm.
Claudine erwiderte seine Umarmung. Wie lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet, in seinen Armen zu liegen und seinen Duft einzuatmen. Ihn zu halten und von ihm gehalten zu werden, gemeinsam mit ihm wie auf Wolken zu schweben. Überwältigt von diesem Glück, konnte sie sich nicht gegen die Tränen wehren, die nun wie kleine Bäche über ihr Gesicht rannen.
Nach einer Weile, als sie beide so Arm in Arm dagestanden haben, begann Claudine sich wieder aus der Umarmung zu lösen. „Aber was wird jetzt?“
„Ich bleibe bei dir“, flüsterte er ihr zu.
„Aber wie sollen wir es den anderen erklären?“, entgegnete sie ihm besorgt. „Niemand wird glauben können, dass du zurückgekehrt bist.“
„Wichtig ist, dass du es glaubst. Ich bin zu dir zurückgekehrt, nicht zu den anderen.“
„Aber …“
„Sorge dich nicht, mein Herz. Wir sind zusammen.“
Dann fielen beide in einen langen innigen Kuss.

Jahre und Jahrzehnte vergingen, und außer Claudine bemerkte niemand etwas von der Rückkehr Theodors. Claudine ging ihrer Arbeit nach und verbrachte ihre freie Zeit mit ihrem geliebten Ehemann.  Sie unterhielten sich, sahen fern, kochten gemeinsam und teilten ihr Bett miteinander. Andere Männer beachtete sie nicht. Theodor war bei ihr und das machte sie glücklich, mehr brauchte sie nicht im Leben. Selbst an ihrem Zuhause veränderte sie nichts. Doch oft fragte sich Claudine, wie dieses Wunder zustande kam und warum es ihr zuteil wurde. Aber im Grunde war sie dankbar dafür und nahm es als Geschenk an. Für sie zählte nur Theodor und ihre unbändige Liebe zu ihm, die wohl ewig halten würde.
Claudine bemerkte irgendwann, dass ihr Mann nicht zu altern schien. Es erschien ihr merkwürdig, da er jedoch aus dem vom Tode wieder zu ihr zurückgekehrt war, machte es aber wiederum Sinn. An jenem Tage, als sie in ihrer Arbeit ihren Abschied in den Ruhestand feiern wollte, bemerkte sie im Spiegel, dass auch sie noch genau so aussah, wie vor vierzig Jahren. Sie blickte auf ihre Hände, die ebenfalls keine Alterserscheinungen aufwiesen. Dabei fiel ihr auch ein, dass dies auch niemand anderem aufgefallen ist. Weder ihre Familie, noch ihre Kollegen. Claudine wurde stutzig. Noch am selben Tag, fragte sie Theodor, was es mit diesem Umstand auf sich hatte. Doch auch Theodor wusste keine Antwort darauf, jedoch riet er ihr auch dieses Mal, sich darüber keine Gedanken zu machen. „Vielleicht ist es unsere Liebe, die dich jung hält? Wie dem auch sei, nimm es als Geschenk des Schicksals. Wir haben uns und bleiben jung, was will man mehr?“ Und auch dieses Mal verwarf sie den Gedanken, dass etwas nicht stimmen konnte. Sie hatte ihren Mann zurückbekommen und sich nebenbei noch ihre Jugend bewahrt. Warum sollte sie ein solches Wunder trüben, indem sie es hinterfragte? Zumal es ja auch ihre Umgebung nicht tat.
Nachdem Claudine sich nun im Ruhestand befand, verließ sie noch seltener ihr Zuhause. Sie verbrachte jeden Tag mit ihrem Mann, als wären sie in den Flitterwochen. Bis sie an jenem Tage vor ihrem Hochzeitstag, als sie ihre Einkäufe erledigen wollte, die Treppe hinunterstürzte und ins Krankenhaus gebracht werden musste. Theodor konnte sie nicht dorthin begleiten. Sie akzeptierte es und hoffte, dass sie bald wieder zu ihm nach Hause zurückkehren konnte. Claudine musste operiert werden. Der Narkosearzt war ein freundlicher und behutsamer Mensch, der ihr alles genau erklärte und als die Narkoseschwester ihr eine Sauerstoffmaske vors Gesicht hielt und er ihr ein Medikament in ihre Venen spritzte, spürte sie bald eine angenehme Schwere in ihrem Körper und in ihrem Geist. Sie fürchtete sich nicht, nach der Operation würde sie ihren Geliebten bald wieder in die Arme schließen können.
Es war die Narkoseschwester, die sie wieder weckte und von einer anderen Krankenschwester auf ihr Zimmer abholen ließ. Den Rest des Tages döste sie noch ein wenig. Am nächsten Morgen wurde sie wieder von einer Schwester geweckt und ins Bad hinausbegleitet. Claudine erschrak, als sie im Spiegel eine alte Frau erblickte. Falten, trübe Augen, weißes Haar. Auch ihre Hände waren die einer alten Frau. Claudine versuchte sich das Datum in Erinnerung zu rufen, es war ihr fünfzigster Hochzeitstag. Sie war weit über siebzig Jahre alt und nun sah sie auch so aus. Als wäre sie über Nacht gealtert. Ist das den Schwestern und Ärzten denn nicht aufgefallen? Claudine betrachtete ihre Gestalt im Spiegel. Mit einem Schlag wurde ihr klar, dass sie es war, die nicht bemerkte, dass sie gealtert ist. Und sie erkannte, dass die letzten fünfzig Jahre ein Traum gewesen waren. Und, sie würde nicht zu ihrem geliebten Ehemann zurückkehren können. Als die Schwester mit Handtüchern ins Bad zurückkehrte fand sie Claudine in Tränen aufgelöst vor dem Badezimmerspiegel.

Weil das Internet nichts vergisst

Nachdem ich nun einen eReader erstanden habe, den man auch mit PDF-Dokumenten füttern kann, machte ich mich auf die Suche nach ein paar alten Fanfictions, die ich vor Jahren einmal gelesen habe und nun gerne wieder lesen möchte. Dabei über ein paar kleinere von mir verfasste Geschichten zu Harry Potter gestolpert, wer gerne ein mal stöbern möchte: http://www.fanfiction.net/u/475542/mauerunkraut

Ich habe natürlich mehr als vier Geschichten geschrieben, die ich auf einer Seite veröffentlicht habe, die sich überwiegend mit Severus Snape befasst hatte, aber leider mittlerweile nicht mehr existiert.

Wie steht ihr eigentlich zu Fanfictions? Schreibt bzw. habt ihr schon mal selbst welche geschrieben, oder könnt ihr damit so gar nichts anfangen?

Zeitreise

Nun war ich auch einmal über Weihnachten krank und weiß jetzt wie das ist: nicht halb so schlimm, wie man sich das als Kind immer vorstellt.

Beim Durchforsten meines Rechners habe ich eine alte Kurzgeschichte gefunden, die ich im zarten Alter von 16 Jahren geschrieben habe, verzeit daher, wenn sie zwischendurch etwas kitschig wirkt 😉

Zeitreise

Lisa hat einen großen Wunsch. Sie wünschte sich, sie wäre nie auf die Welt gekommen. Gut, dieser Spruch klingt genauso wie die anderen Sprüche die man so dahin sagt: „Ich möchte auf der Stelle im Erdboden versinken!“, oder „Ich möchte auf der Stelle tot umfallen …“
Aber Lisa meint es wirklich ernst und es geht ihr dabei nicht darum einfach nur ihr Leben zu beenden, denn das hätte sie vermutlich schon längst getan. Aber so einfach ist es ihrer Meinung nach nicht. Denn Lisa ist davon überzeugt, dass ihre Geburt nur schlechtes mit sich gebracht hat. Ihre Mutter ist nach ihrer Geburt gestorben und ihr Vater hasst sie dafür. Ja, es ist wirklich so. Denn Lisa hat ihrer Mutter schon während der Schwangerschaft große Schmerzen bereitet. Ihr leiblicher Vater selbst wünschte sich, dass sie nie auf die Welt gekommen wäre, denn dann würde er noch heute glücklich mit seiner Frau leben.
Kurz nach Lisas 10. Geburtstag heiratete er wieder. Eine Frau die bereits Kinder hatte. Thomas und die kleine Erika. Lisa und Thomas gingen auf die selbe Schule. Doch eines Tages gerieten sieauf dem Schulweg in Streit und Lisa wurde dabei so wütend, dass sie Thomas auf die Straße schubste. Er wurde von einem Auto angefahren und schlug mit dem Kopf auf dem Bordstein auf.
Lisa hatte deswegen schwere Schuldgefühle.
Und ihre Stiefmutter, auf die der Hass ihres Vaters ohnehin schon abgefärbt hatte, hasste sie nun ebenso. Und aus Angst, dass Lisa nun auch der kleinen Erika etwas antun würde, durfte sie ihr auf 5 m Entfernung nicht zu nahe kommen. Das war in einem kleinen Häuschen schon schwer genug, aber Erika wollte aus irgendeinem Grund immer mit ihr spielen. Vielleicht hatte sie auch nur Freude daran, Lisa etwas auszuwischen, denn sie wird für so ziemlich alles verantwortlich gemacht, was mit Erika in ihrer Nähe passierte.
Natürlich war Lisa auch in der Schule alles andere als eine große Leuchte. Niemand glaubte daran, dass sie weiter als bis zur Hauptschule käme und ob sie selbst das schaffte, wagte man oft zu bezweifeln. Allerdings gab es da in der Grundschule eine Lehrerin, die wirklich versucht hat, herauszufinden, weshalb Lisas Leistungen so schlecht waren, weshalb Lisa nur ungenügend Hausaufgaben machte. Schließlich versuchte sie sich auch im Gespräch mit ihrem Vater, aber auch dort scheiterte ihr Idealismus. So akzeptierte auch sie, dass Lisa es nie zu irgendetwas bringen würde.
Lisa weiß, dass sie von ihrer Familie gehasst wird. Scheinbar muss man sie einfach hassen, sie kannte es nicht anders. So fügte sie sich auch im Laufe ihrer Schulzeit in die Opferrolle und somit allen Schikanen, die ihre Mitschüler für sie bereit hielten.
Mittlerweile ist Lisa 14 Jahre und sie hat genug davon. Wenn sie einen Weg fände, ihre Geburt, ja sogar ihre Zeugung, verhindern, würde sie es tun. Tag für Tag betete sie dafür, dass irgendwann einmal der Moment kommen würde. Jedes Jahr schrieb sie einen Wunschzettel, an den Weihnachtsmann, dass er ihr diesen Wunsch erfüllen möge.

Und eines Nachts wurde Lisa von einem kleinen hellgrünen Licht geweckt. Halb schlafend rieb sie sich die Augen und wollte sich dieses Licht näher ansehen. Dieses Licht entpuppte sich als kleines, schwarzes Männchen mit hellgrünen Flügeln.
„Guten Morgen Lisa!“, begrüßte es sie.
„Wer bist du?“, fragte Lisa erschrocken.
„Ich bin ein Elf!“, antwortete dieser lächelnd. „Ich bin gekommen, weil du etwas auf dem Herzen hast.“
Lisa hatte in diesem Augenblick natürlich keine Ahnung wovon dieser Elf sprach. Doch dann holte er einen kleinen Zettel hervor und las daraus: „Lieber Weihnachtsmann! Ich wünschte ich wäre nie geboren worden. Das ist mein einziger Wunsch. Wie jedes Jahr. Liebe Grüße Lisa!“ Er steckte den Zettel wieder weg. „Wir bekommen selten Wunschzettel von Kindern deines Alters, weißt du!“
„Ich bin kein Kind mehr!“, antwortete Lisa trocken.
„Natürlich nicht“, antwortete der Elf hastig.
„Bist du gekommen um mir meinen Wunsch zu erfüllen?“, fragte Lisa vorsichtig und ihr Herz klopfte schneller.
„Nein, nicht direkt!“
„Was willst du dann hier?“
„Ich will dir zeigen, was passiert, wenn du nicht auf die Welt gekommen wärst …“, erklärte der Elf.
„Das brauchst du nicht. Ich bin unerwünscht auf diesem Planeten.“
„Warum bringst du dich dann nicht einfach um?“
„Weil das nichts bringen würde. Meine Mutter wäre trotzdem tot, Thomas auch, lediglich mein Vater und meine Stiefmutter wäre erleichtert!“
„Und du meinst, dass alles besser wäre, wenn du nicht auf die Welt gekommen wärst?“, bohrte der Elf nach.
„Ja!“
„Na, das wollen wir doch mal sehen“, grinste der Elf und plötzlich verschwand er wieder in diesem grünen Licht, dass nur noch heller wurde und irgendwann auch Lisa verschluckte …

Das Licht verschwand und Lisa befand sich in ihrem Zimmer. Nun, es war nicht wirklich ihr Zimmer, schließlich war es mit anderen Möbeln versehen. Neue Möbel. Der der dieses Zimmer bewohnte, musste bestimmt nicht irgendwelche abgenutzten Sachen die von der Caritas zu Billigpreisen nahezu verschenkt werden. Und es bewohnte auch wirklich jemand das Zimmer. Ein Mädchen, etwas jünger, als es Lisa war.
„Wer ist das?“, fragte Lisa.
„Das ist Sylvia, die Adoptivtochter deiner Eltern. Wie du siehst, haben sie selbst keine Kinder bekommen.“
„Mutter lebt?“
„Naja, da sie ja kein Kind auf die Welt gebracht hat, musste sie auch nicht sterben …“, wollte der Elf erklären.
„Wo ist sie? Ich will sie sehen!“, rief Lisa und war auch schon aus dem Zimmer gestürmt. Glücklicherweise befanden sie sich noch in dem selben Häuschen, so hatte sie das Elternschlafzimmer ratzfatz gefunden. Sie öffnete die Tür und schlich hinein. Sie konnte sie atmen hören. Lisa schlug das Herz vor Aufregung …
Als sie vor dem Ehebett stand, konnte sie sie sehen. Ihren Vater und ihre Mutter, nackt, eng aneinander gekuschelt. Sie sahen so friedlich aus, glücklich.
Bei dem Anblick füllten sich Lisas Augen wie Tränen. Sie hatte ihre Mutter bisher nur auf Fotos gesehen. Sie hätte gerne erlebt, wie glücklich ihre Mutter gewesen wäre. Aber wenn der Elf ihr wirklich den Wunsch erfüllen würde, würde sie sie trotzdem nicht kennen lernen.
Sie spürte den kleinen Elf auf ihrer Schulter Platz nehmen. „Siehst du. Sie sind glücklich. Selbst meinen Vater habe ich auch nie so glücklich gesehen, selbst als er noch einmal geheiratet hat.“
„Ähm … gehen wir doch mal ins Wohnzimmer …“, meinte der Elf schließlich. Lisa warf noch einen letzten Blick auf ihre Eltern, auf ihre entspannten und glücklichen Gesichter und folgte ihm schließlich. Wenn sie den Elfen davon überzeugen konnte, würde ihre Mutter wirklich so bleiben und das Bild würde nicht nur eine Fiktion bleiben.
Sie ging die Treppe hinunter und ins Wohnzimmer. Lisa staunte nicht schlecht, als sie die tollen Möbel saß. Dann fiel es ihr wie Schuppen vor die Augen. Da Lisa nie auf die Welt gekommen war, konnte ihre Mutter ihr Studium beenden und arbeiten und damit auch entsprechend zum Einkommen der Familie beitragen. Auch ihr Vater konnte seine Ausbildung abschließen und musste sich und Lisa nicht mit Teilzeitjobs über Wasser halten. Sogar ein Kamin konnte eingebaut werden. Und darüber hing ein Bild, der dreiköpfigen Familie. Ihre Mutter, ihr Vater und Sylvia. Alle drei strahlten in ihrem Glück.
„Tja, wie du siehst, scheint es meiner Familie gut zu gehen“, sagte Lisa siegessicher. „Und das, weil ich nicht auf die Welt gekommen ist.“
„Das mag sein. Aber deine Mutter war sehr betrübt, als man ihr sagte, sie dürfe keine Kinder bekommen. Und ist es immer noch.“
„Dafür sieht sie aber sehr glücklich aus. Außerdem konnte sie einem anderen Kind ein schönes zu Hause bieten. Sagt der Weihnachtsmann nicht auch, dass man Gutes tun soll?“
Nun kam der Elf wirklich in Erklärungsnot. „Willst du denn nicht wissen wie es deinen Stiefgeschwistern jetzt geht? Schließlich konnte deine Stiefmutter deinen Vater nicht heiraten …“
„Ich glaube, das hat sie bereut, nachdem ich Thomas umgebracht habe …“
„Du hast ihn nicht umgebracht. Das war ein Versehen …“
„Das sah meine Stiefmutter aber ganz anders. Außerdem habe ich ihn vors Auto geschubst. ICH BIN SCHULD!“
Doch der Elf begann wieder in seinem grünen Licht zu erleuchten und als es auch vor Lisas Augen hellgrün wurde befanden sie sich in einer fremden Wohnung, die Lisa noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.
„Wo sind wir hier?“, fragte Lisa.
„Das ist die Wohnung deiner Stiefmutter. Besser gesagt, die Frau, die deiner Stiefmutter geworden wäre, wenn du auf die Welt gekommen wärst.“
Lisa sah sich um. „Schicke Wohnung …“
„Naja, sie kann sich nicht ganz so viel leisten wie deine Eltern …“, meinte der Elf.
„Du wirst doch wohl nicht glauben, dass mich DAS umstimmen wird.“
„Sie hat einen Freund der sehr leicht handgreiflich wird. Deswegen musste man ihr ihre Kinder wegnehmen.“
„Aber sie leben beide noch, oder?“
„Ja, aber sie hat sie gleich beide verloren.“
„Das hat sie sich nun wirklich selbst zuzuschreiben. Wenn sie zulässt, dass er ihre Kinder schlägt, hat sie es nicht anders verdient. Und ihre Kinder wären selbst in einem Heim besser aufgehoben als hier, meinst du nicht?“
„Aber zumindest Erika hätte eine Familie, wenn dein Vater deine Stiefmutter geheiratet hätte …“
„Erika ist noch jung, sie hat noch eine Chance auf eine Familie. Außerdem warum soll ich mich um das Leben eines Mädchens sorgen, dass mich im Falle meiner Geburt nur piesacken würde und den Hass meines Vaters nur zu gerne ausnutzt.“
Der Elf seufzte. Doch dann schien ihm etwas eingefallen zu sein … „Wollen wir doch mal sehen, was deine Mitschüler so treiben.“
Es wurde wieder grün und im selben Augenblick befanden sie sich auf dem Schulhof, nicht in der Nacht, wie es zuvor war sondern am helllichten Vormittag, in der großen Pause. Und die Schüler spielten, aßen ihre Pausenbrote und ein kleines Grüppchen schubste einen kleinen Jungen umher.
„Hey, das ist ja Kevin …“, fiel Lisa auf.
„Ja, da du ja nicht geboren wurdest, wird er nun von deinen Schulkameraden geärgert.“
„Er ist ein Streber und eine Petze. Er hat meine Position in der Schule sehr gerne ausgenutzt. Er war nur froh, dass er nicht der Prügelknabe war.“ Lisa verschränkte die Arme und sah den Elf fordernd an. „Willst du mir nun noch etwas zeigen? Und wirst du mir meinen Wunsch nun erfüllen?“ Es wäre gemein von diesem Elfen, wenn er ihr gezeigt hätte, wie glücklich ihr Umfeld ohne sie wäre und sie dann nicht aus dieser Welt entfernen würde.

Der Elf begann zu grübeln. Das war ein harter Brocken. Wer hätte gedacht, dass ein Leben tatsächlich widrige Umstände erfordern würden. Und dass Lisa noch nicht einmal gewillt ist, selbst dann ein glückliches Leben zu führen wenn sie erst einmal erwachsen wäre. Doch dann fiel ihm ein, wie berührt Lisa war, als sie ihre Mutter sah. Vielleicht sollte er seinen letzten Trumpf ausspielen, wenn es auch sehr riskant war, so stur wie Lisa war … Aber ein Versuch wäre es wert …
„Nun, etwas will ich dir noch zeigen … und ich bin sicher, dass dich das umstimmen wird …“
„Na, da bin ich mal gespannt“, meinte Lisa gereizt.
Abermals wurde es ihr grün vor Augen und sie befanden sich wieder in einer anderen Wohnung. Dem Stil der Einrichtung nach, sogar in einer ganz anderen Zeit.
„Wo sind wir?“ fragte Lisa.
„In der Wohnung deiner Eltern …“
„Wohnen sie nicht in unserem Haus?“
„Bevor deine Mutter schwanger wurde, haben sie sich eine kleine Bude geteilt. Aber sieh selbst …“
Und tatsächlich, jemand öffnete die Tür, ihre Mutter kam herein. Genauso jung und hübsch, wie sie sie von den Fotos kannte.
„Schatz! Schatz!“, rief sie und strahlte dabei.
„Was ist?“
„Ich bin schwanger!“
Überglücklich nahm ihr Vater sie in die Arme und hob sie hoch.
Sie sahen noch glücklicher aus, als 14 Jahre später in ihrem Ehebett.
„Siehst du wie glücklich sie sind?“, fragte der Elf. „Möchtest du ihnen dieses Glück wirklich nehmen?“
„Dafür sind sie ein anderes Mal glücklich.“
„Aber ist ein wirklich glücklicher Moment nicht mehr wert, als alle weniger schönen Dinge im ganzen restlichen Leben. Würdest du nicht auch alles für einen glücklichen Augenblick in deinem Leben opfern? …. LISA NEIN!!!“
Doch zu spät, Lisa stürmte auf ihre Eltern zu, riss sie auseinander und schubste ihre Mutter weg. Ihre Mutter konnte sie nicht sehen und wusste somit auch nicht wie ihr geschah. Aber sie spürte jeden Tritt den ihr Lisa in ihren Bauch verpasste. Lisa war in einer absoluten Raserei, sie trat einfach weiter. Ihr war es egal, wie sehr sie ihrer Mutter weh tat, sie wusste, sie würde den Rest ihres Lebens glücklich sein.
Lisa hörte erst auf, als sie sah, dass ihre Mutter blutete. Zwischen den Beinen. Ihr Werk war vollbracht. Sie spürte wie sie sich auflöste. Trotzdem konnte sie noch die Schreie ihrer Mutter hören, während sie aus dieser Welt verschwand … Sich in kleine Lichtfunken auflöste, die so schnell verschwanden, dass man sie gar nicht hätte sehen können.

Lisas Mutter erlitt eine Fehlgeburt und brachte sie nie zur Welt. Sie konnte nach diesem Vorfall, der ihr bis an ihr Lebensende ein Rätsel gewesen ist, auch keine Kinder mehr auf die Welt bringen. So entschloss sie sich mit ihrem Mann, ein Kind zu adoptieren, wenn sie beide ihre Ausbildung beendet hatten und einen guten Stand im Leben hatten.
Alles geschah, wie es der Elf Lisa gezeigt hatte.

Der Elf selbst wurde aus dem Reich des Weihnachtsmannes verbannt, weil er seinen Auftrag, Lisa von ihrem Wunsch abzubringen nicht überreden konnte und weil er dazu beigetragen hat, dass das Raum-Zeit-Kontinuum durcheinander gebracht wurde.