Das Pflegestudium-Bullshit-Bingo!

Veränderungen sind immer eine schwierige Angelegenheit. Und noch immer steht man in Deutschland der Akademisierung der beruflichen Pflege skeptisch gegenüber. Und je weniger man mit diesem Tätigkeitsfeld zu tun hat, umso besser weiß man, wie sinnlos (wahlweise auch schädlich) ein Pflegestudium für die professionelle Pflege ist.

Aus den beliebtesten Argumenten habe ich nun ein Bullshit-Bingo gebastelt. Die Regeln: In Diskussionen, aber auch Kommentarspalten zum Thema „Pflegestudium“ oder „Akademisierung der Pflege“, einfach die entsprechenden Argumente ankreuzen. Sobald eine Reihe (vertikal, horizontal oder diagonal) vollständig ist, einfach aufstehen und laut „BINGO!“ rufen.

Ich stelle es Kolleg*innen, Kommiliton*innen, Berufspolitiker*innen und allen Interessierten zum Spielen, Verbreiten, Verbessern und Erweitern zur Verfügung. (Wobei ich es cool fände, wenn ihr mir neue Versionen zuschicken würdet). Ich wünsche euch sehr viel Spaß!

Pflegestudium-Bullshit-Bingo

Vielleicht ist das Volk gar nicht beleidigt?

In meiner Timeline war das große Thema letzte Woche Meinungsfreiheit und Debattenkultur. Und so landete der Artikel Debattenkultur: Ein Volk der Beleidigten irgendwann bei mir. Dieser beklagt, dass sich immer mehr Menschen viel zu schnell beleidigt fühlen, da es ja jede Woche irgendeinen anderen Shitstorm gibt. Zum Beispiel gegen einen Werbespot mit der Kernaussage „Untertitel zerstören Filme. Lernt Englisch!“ Aktivist*innen für Inklusion und Barrierefreiheit kritisierten diesen, weil es eben Menschen gibt, die Untertitel brauchen, um sich überhaupt einen Film ansehen zu können. Ein weiteres Beispiel ist ein anderer kritisierter Werbespot, in dem eine Frau (ganz humoristisch) von ihrem Partner geschlagen wurde.

Und getreu dem Kinski-Zitat: „Wer mich beleidigt, bestimm immer noch ich!“, sollen doch bitte alle einfach: weniger beleidigt sein.

Aber was, wenn die „Daueraufreger“ gar nicht beleidigt sind und gar keine „verletzten Gefühle“ haben? Ist es denn wirklich so unwahrscheinlich, dass Aussagen und Darstellungen kritisiert werden, weil man sie tatsächlich problematisch findet, ohne persönlich getroffen oder überhaupt betroffen zu sein?

Wenn man weiß, dass Untertitel etliche Menschen an Film und Fernsehen teilhaben lassen, ist die Aussage „Untertitel zerstören Filme“ sehr wohl kritikwürdig, dazu muss man selbst nicht betroffen oder gekränkt sein. Genauso wie ich die witzig gemeinte Darstellung von häuslicher Gewalt problematisch finde, weil häusliche Gewalt einfach ein sehr ernstes Problem ist. Und um das zu sehen, muss ich weder Frau, noch gekränkt, noch selbst von häuslicher Gewalt betroffen sein.

Natürlich muss nicht jede Kritik und auch nicht jede Art, wie sie geübt wird, gerechtfertigt sein. Das weiß man aber erst, wenn man sich ernsthaft mit der Kritik auseinandersetzt und nicht als Befindlichkeiten abbügelt und zum persönlichen Problem der Kritiker*innen erklärt. Gerade letzteres ist doch überhaupt kritisch für die Debattenkultur, weil inhaltliche Debatten so gar nicht erst zustande kommen. (Abgesehen davon: „Wer mich beleidigt, bestimm immer noch ich!“)

Dabei wären gerade diese ja wichtig. Das Internet ermöglicht jedem, und damit auch Menschen aus sog. „Randgruppen“ sichtbar zu werden und sich an Diskursen zu beteiligen. Schlimmer noch: einen respektvollen und inklusiven Umgang einfordern. Was zwangsläufig zu Aushandlungsprozessen darüber führt, wie wir miteinander umgehen und wie wir übereinander sprechen. Es mag ja nervig sein, wenn ich gewohnte Ausdrucksweisen hinterfragen und überdenken muss, aber: Wer bin ich, dass ich anderen vorschreibe, was sie „auszuhalten“ haben und was nicht?

„Wer mich beleidigt, bestimm immer noch ich!“

Weitere lesenswerte Beiträge:
Debattenkultur: Wenn Randgruppen nicht mehr am Rand stehen
Reaktion eines manchmal Beleidigten

Radikale in Schubladen

Wenn man zu einer Schublade* wie dem Veganismus/Vegetarismus gehört, wird man ja immer wieder mal mit diesen ganz Extremen und Radikalen konfrontiert. Manchmal aber auch einfach nur mit anderen Menschen aus der Schublade, die doofe Sachen gesagt haben.

„Schlimm find ich nur die Radikalen und Extremen …“

Müssen wir wirklich darüber reden, dass es in jeder Bewegung auch „Extreme“ gibt? Muss ich wirklich erklären, dass Vegetarismus einen nicht zu einem „besseren“ Menschen macht und es deswegen zwangsläufig auch vegan bzw. vegetarisch lebende Menschen gibt, die doofe Dinge tun oder sagen? Müssen wir darüber diskutieren, ob man von Einzelnen auf den Rest der Schublade schließen kann? Und was erwartest du? Soll sich die Veggie-Zentrale** nun öffentlich von den „so Radikalen“ distanzieren?

„DU bist ja ok, aber es gibt da ja auch echt Extreme …“

Willst du mir damit sagen, dass du meiner Einstellung kritisch gegenüberstehst? Ist das eine subtile Aufforderung nicht „so radikal“ zu werden? Soll ich nun Stellung beziehen zu jemandem, den ich gar nicht kenne und von dem ich nicht weiß, was ersie genau in welchem Kontext gesagt oder getan hat? Und hat das überhaupt etwas mit dem zu tun, worüber ich gerade diskutiert habe?

„Wegen Fleischskandalen wie diesen, finde ich Veganismus nur richtig!“
„Aber unter Veganern gibt es aber halt auch echt Radikale …“

Möchtest du ablenken, oder es einfach nur (nochmal) gesagt haben?

„Die Gemäßigten gehen halt wegen dieser Lauten und Schrillen echt unter …“

Das mag so nicht ganz falsch sein. Aber wenn du das ohnehin weißt, warum schenkst du ihnen nicht nur deine Aufmerksamkeit, sondern lenkst auch noch die Aufmerksamkeit anderer auf sie? Ich beobachte immer wieder, wie scheinbar jeder Aufreger aus bestimmten Schubladen (der Veganismus ist da ja nicht die einzige) zum Anlass genommen wird, um sich öffentlich daran abzuarbeiten. Ich würde sogar behaupten, dass viele der „so Radikalen“ gar nicht so laut und schrill wären, würde man sie nicht weiterverbreiten, nur um an ihnen zu demonstrieren, warum eine negative Grundhaltung zur Schublade gerechtfertigt ist.

Wenn du an einer ehrlichen und ernsthaften Auseinandersetzung mit den Anliegen und Themen einer bestimmten Schublade interessiert bist, warum lenkst du dann von den Inhalten ab, weil jemand was „so radikales“ gesagt hat? Warum sprichst du zum Beispiel nicht selbst die „so radikale“ Person an, anstatt andere damit zu behelligen, die im schlimmsten Fall nichts mit der Person zu tun haben, außer der Schublade?

* Es könnte jede Schublade davon betroffen sein, wie zum Beispiel die Feminismus-Schublade
**Es gibt gar keine Veggie-Zentrale

Kein (richtiges) Abitur

Um es von vornherein klarzustellen: Wer mit falschen Angaben über seine Person oder seinen Lebensweg andere täuscht und sich damit Vorteile welcher Art auch immer verschafft, hat die entsprechenden Konsequenzen dafür zu tragen.

Was mich an der Berichterstattung über den Fall Petra Hinz allerdings stört, ist die Aussage, sie hätte kein Abitur. Sie besitzt die Fachhochschulreife, auch bekannt als Fachabitur. Selbstverständlich kann man nun dagegenhalten, dass mit Abitur nun mal das Abitur, also die allgemeine Hochschulreife, gemeint ist. Allerdings impliziert die Aussage „kein Abitur“ meiner Meinung nach: „gar keine“ Hochschulreife.

Warum ich es hier so genau nehme? Weil solche Aussagen elitär sind und suggerieren, das allgemeine Abitur sei die einzige Hochschulzugangsberechtigung, die zählt. Weil sie alle anderen Wege akademischer Bildung unsichtbar machen. Ich habe selbst am eigenen Leib erfahren, wie meine Leistungen aus 12 Jahren Schule mit zwei Schulabschlüssen entwertet wurden, weil eben kein „richtiges“ Abitur dabei herauskam. Dies ist einer der Gründe, weshalb ich viel zu lange gezögert habe, ehe ich mich an einer Hochschule einschrieb.

Heutzutage ist der klassische Weg über das Gymnasium nicht mehr der einzige Weg der zum Studium führt. Und ja, es gibt klare Unterschiede zwischen den Zugangswegen. Die allgemeine Hochschulreife, sowie die allgemeine Fachhochschulreife sind als Schulabschluss ganz klar definiert. Wo ist das Problem diese auch ganz klar zu benennen? „Weder hat sie ein Jurastudium absolviert, noch hat sie das dafür notwendige allgemeine Abitur.“ Wäre das denn wirklich so umständlich?

Und wenn es schon schwer fällt, alle anderen „Hochschulreifen“ neben dem klassischen Abitur als solche anzuerkennen, wie sehen wir dann erst alle anderen Schulabschlüsse? Wir müssen uns nicht wundern, wenn Eltern ihre Kinder, komme was wolle, durchs Gymnasium zerren, weil es die einzige Chance zu sein scheint, dass aus ihnen „was“ wird. Genauso wie wir nicht erwarten können, dass Hauptschüler*innen das Beste aus sich herausholen, wenn man ihnen vermittelt, dass sie bereits versagt haben. Oder wenn sich Studierende keine Zeit mehr zum Studieren nehmen, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, ihren Abschluss zu machen – innerhalb der Regelstudienzeit. Ganz zu schweigen von den Menschen, die sich von der Gesellschaft abwenden, weil sie sich abgehängt fühlen.

Wir sollten den Fall Hinz zum Anlass nehmen, unser Verhältnis zu Bildungsabschlüssen und geradlinigen Lebensläufen zu überdenken. Denn Petra Hinz hat nicht nur falsche Angaben über ihre Abschlüsse gemacht, sie hat ihren Lebenslauf an den üblichen Lebensläufen vieler anderer Politiker*innen angepasst. Wir beklagen immer wieder, dass diejenigen die Politik machen und die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft mitgestalten, keine Ahnung vom wahren Leben haben. Gleichzeitig ist der Weg nach „oben“ noch immer überwiegend denen vorbehalten, die sich einen geradlinigen Lebenslauf leisten können. Und als die offene Gesellschaft, die wir sein wollen, müssen wir uns fragen, ob dies in unserem Sinne ist.