Die junge Witwe

Claudine schenkte den Wein ins Glas ein, sehr darauf bedacht, nichts zu verschütten. Sie hatte ihr Bett an jenem Tage mit ihren besten Laken aus weißem Satin bezogen, sie wollte keine Rotweinflecken darauf wissen. Während die junge Frau den Wein atmen ließ, ging sie zu dem großen blank geputzten Spiegel an der Wand. Die Schatten unter ihren verquollenen roten Augen waren wie wegradiert, ebenso strahlte ihre rosige Haut, die am Tag zuvor noch fahl und grau erschien. Claudine bewunderte was sie im Spiegel sah. Das gleiche Make Up, die selbe Friseur. Sie sah aus wie am Tage ihrer Hochzeit. Noch ehe sie den Gedanken an ihren Hochzeitstag zu Ende gedacht hatte, blickte sie traurig zum Bild ihres Ehemannes auf der altmodischen Anrichte. Sie senkte den Blick und schritt auf den großen Kleiderschrank zu, an dessen Tür das cremefarbene mit Spitzen besetzte Brautkleid hing. Sie nahm die herrliche Pracht vom Bügel und kleidete sich sorgsam an. Es dauerte einige Zeit, bis sie angezogen war. Das Kleid saß etwas locker, das Resultat monatelanger Appetitlosigkeit, dennoch war Claudine zufrieden mit ihrem Anblick. Alles war genauso wie am Tag ihrer Hochzeit. Sie dachte an ihren großen Tag und an das Glück in dem sie mit ihrem Bräutigam schwelgte. Seufzend ging sie wieder zu dem kleinen Tisch neben dem Bett. Sie nahm das Glas in die Hände und sog den Duft des Weines ein. Ein vertrauter Duft. Es war der Wein, den sie mit ihrem Mann am liebsten trank. So auch am Tag ihrer Hochzeit. So auch am letzten Abend ihrer Flitterwochen, bevor sie gemeinsam als Ehepaar in den Alltag zurückkehrten. Claudine nahm einen Schluck. Mit geschlossenen Augen konzentrierte sie sich auf den Geschmack, die milde Säure, nahm alle diese Wahrnehmungen in sich auf. Für einen Moment stand sie vor dem Tisch hielt das Glas mit beiden Händen und spürte wie die Wärme des roten Weines sich von ihrem Magen aus in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Sie genoss diesen Augenblick.
Als ihre Mutter von ihrem Friseurtermin hörte, glaubte sie, dass Claudine nach Wochen und Monaten der Trauer wieder ins Leben zurückkehren würde. Doch sie wollte dieses Leben nicht mehr. Sie wollte das Leben mit ihrem geliebten Mann, mit dem Haus, das sie gemeinsam bauen wollten und mit den Kindern, die sie bekommen wollten – dieses und kein anderes. Sie nahm die Tablettenschachtel neben der Flasche und begann die Tabletten nacheinander aus dem Blister zu drücken. Eine Weile blickte sie das Häufchen Pillen in ihrer zitternden Hand an. Ihr Körper hatte Angst, doch Claudine war fest entschlossen. „Bis dass der Tod uns scheidet“, hatten sie sich geschworen, doch sie wird nicht zulassen, dass der Tod sie trennte. Sie warf die Tabletten in ihren Mund und trank einen großzügigen Schluck Wein nach. Sie legte sich ins Bett und wartete darauf einzuschlafen und darauf beim Erwachen in die Augen ihres geliebten Theodor zu blicken. Ihn endlich in die Arme zu nehmen und nie mehr zu verlassen. Alles wurde schwerer. Claudine glaubte nun in einen friedlichen Schlaf zu sinken, als sie spürte wie jemand ihre Hand nahm und über ihr Gesicht strich. „Wach auf, Claudine!“ Sie kannte die Stimme, die zu ihr sprach, aber das konnte und durfte nicht sein. Nun kämpfte ihr Geist gegen die Müdigkeit, versuchte mit Gewalt ihre Augen zu öffnen. „Mach die Augen auf, mein Herz!“, hörte sie die Stimme wieder rufen. Sie öffnete die Augen, sah die verschwommenen Umrisse eines Mannes über sich. Claudine kämpfte, sie wollte wieder zu sich kommen. Sie wollte klar sehen, sich von einer Täuschung überzeugen. Sie versuchte die Finger zu bewegen, dann die Hände, und nach und nach ihre Arme zu heben, um sich auf ihnen abzustützen. Ihr Blick klärte sich. „Du darfst doch noch nicht gehen“, sagte der junge Mann, dessen Gesicht Claudine unter tausenden wieder erkannt hätte.
„Theo?“, fragte Claudine vorsichtig. „Wie …?“
„Gottseidank, bist du wieder wach“, sagte er und nahm sie in den Arm.
„Aber du bist tot! Ich habe dich im Krankenhaus sterben sehen.“
Er reagierte nicht darauf, sondern versuchte ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Claudine zog ihr Gesicht zurück und versuchte geschwind aufzustehen, doch aufgrund ihrer müden Beine fiel sie vom Bett. „Was bist du?!“, rief sie laut und entsetzt, die Erscheinung nicht akzeptieren wollend.
„Erkennst du mich denn nicht mehr?“
„Du bist tot! Ich habe dich zu Grabe getragen!“ Ihre angsterfüllten Augen füllten sich mit Tränen. Er trug sogar den Smoking, in dem er begraben wurde. Sein Hochzeitsanzug.
„Aber ich bin doch hier“, er kam vorsichtig auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Gib mir deine Hand. Bitte.“
Claudine zögerte. Sie konnte die Erscheinung ihres verstorbenen Mannes noch immer nicht akzeptieren. Während sie ihm in die Augen sah, hob sie aber doch ihre Hand. Er nahm sie in die seine. „Fühlst du es?“, fragte er. Sie nickte. „Fühlt es sich nicht echt an?“, fragte er. Claudine nickte ungläubig. „Ja, aber …“, sie schluckte. „Ich hab dich sterben sehen … Im Krankenhaus …“
„Ich weiß“, antwortete er ruhig und rutschte etwas näher auf sie zu.
„Warum bist du dann hier?“, fragte sie ihn.
„Ich weiß es nicht, aber ich bin froh, bei dir sein zu dürfen“, sagte er und strich ihr mit einer Hand über  die Wange. „Bist du auch froh?“
„Ja … Nein … Das macht keinen Sinn …“, Claudine schüttelte den Kopf. „Bist du ein Geist? Oder bist du ein Traum?“
„Wäre ich ein Geist, würdest du meine Hand spüren können?“, er zog sie nach oben. Ihre Beine wackelten noch immer, so hielt er sie an ihrer Hüfte fest, darauf bedacht, ihr nicht auf die Spitzen ihres Brautkleides zu treten. „Du bist wunderschön.“
„Ist das alles nur ein Traum?“, fragte sie.
„Wer weiß schon, was Traum und Wirklichkeit ist. Ist das, was wir Wirklichkeit nennen, nicht vielleicht doch nur ein Traum? Und wenn, was würde es ändern? Wir sind zusammen und das zählt.“ Er nahm sie fest in den Arm.
Claudine erwiderte seine Umarmung. Wie lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet, in seinen Armen zu liegen und seinen Duft einzuatmen. Ihn zu halten und von ihm gehalten zu werden, gemeinsam mit ihm wie auf Wolken zu schweben. Überwältigt von diesem Glück, konnte sie sich nicht gegen die Tränen wehren, die nun wie kleine Bäche über ihr Gesicht rannen.
Nach einer Weile, als sie beide so Arm in Arm dagestanden haben, begann Claudine sich wieder aus der Umarmung zu lösen. „Aber was wird jetzt?“
„Ich bleibe bei dir“, flüsterte er ihr zu.
„Aber wie sollen wir es den anderen erklären?“, entgegnete sie ihm besorgt. „Niemand wird glauben können, dass du zurückgekehrt bist.“
„Wichtig ist, dass du es glaubst. Ich bin zu dir zurückgekehrt, nicht zu den anderen.“
„Aber …“
„Sorge dich nicht, mein Herz. Wir sind zusammen.“
Dann fielen beide in einen langen innigen Kuss.

Jahre und Jahrzehnte vergingen, und außer Claudine bemerkte niemand etwas von der Rückkehr Theodors. Claudine ging ihrer Arbeit nach und verbrachte ihre freie Zeit mit ihrem geliebten Ehemann.  Sie unterhielten sich, sahen fern, kochten gemeinsam und teilten ihr Bett miteinander. Andere Männer beachtete sie nicht. Theodor war bei ihr und das machte sie glücklich, mehr brauchte sie nicht im Leben. Selbst an ihrem Zuhause veränderte sie nichts. Doch oft fragte sich Claudine, wie dieses Wunder zustande kam und warum es ihr zuteil wurde. Aber im Grunde war sie dankbar dafür und nahm es als Geschenk an. Für sie zählte nur Theodor und ihre unbändige Liebe zu ihm, die wohl ewig halten würde.
Claudine bemerkte irgendwann, dass ihr Mann nicht zu altern schien. Es erschien ihr merkwürdig, da er jedoch aus dem vom Tode wieder zu ihr zurückgekehrt war, machte es aber wiederum Sinn. An jenem Tage, als sie in ihrer Arbeit ihren Abschied in den Ruhestand feiern wollte, bemerkte sie im Spiegel, dass auch sie noch genau so aussah, wie vor vierzig Jahren. Sie blickte auf ihre Hände, die ebenfalls keine Alterserscheinungen aufwiesen. Dabei fiel ihr auch ein, dass dies auch niemand anderem aufgefallen ist. Weder ihre Familie, noch ihre Kollegen. Claudine wurde stutzig. Noch am selben Tag, fragte sie Theodor, was es mit diesem Umstand auf sich hatte. Doch auch Theodor wusste keine Antwort darauf, jedoch riet er ihr auch dieses Mal, sich darüber keine Gedanken zu machen. „Vielleicht ist es unsere Liebe, die dich jung hält? Wie dem auch sei, nimm es als Geschenk des Schicksals. Wir haben uns und bleiben jung, was will man mehr?“ Und auch dieses Mal verwarf sie den Gedanken, dass etwas nicht stimmen konnte. Sie hatte ihren Mann zurückbekommen und sich nebenbei noch ihre Jugend bewahrt. Warum sollte sie ein solches Wunder trüben, indem sie es hinterfragte? Zumal es ja auch ihre Umgebung nicht tat.
Nachdem Claudine sich nun im Ruhestand befand, verließ sie noch seltener ihr Zuhause. Sie verbrachte jeden Tag mit ihrem Mann, als wären sie in den Flitterwochen. Bis sie an jenem Tage vor ihrem Hochzeitstag, als sie ihre Einkäufe erledigen wollte, die Treppe hinunterstürzte und ins Krankenhaus gebracht werden musste. Theodor konnte sie nicht dorthin begleiten. Sie akzeptierte es und hoffte, dass sie bald wieder zu ihm nach Hause zurückkehren konnte. Claudine musste operiert werden. Der Narkosearzt war ein freundlicher und behutsamer Mensch, der ihr alles genau erklärte und als die Narkoseschwester ihr eine Sauerstoffmaske vors Gesicht hielt und er ihr ein Medikament in ihre Venen spritzte, spürte sie bald eine angenehme Schwere in ihrem Körper und in ihrem Geist. Sie fürchtete sich nicht, nach der Operation würde sie ihren Geliebten bald wieder in die Arme schließen können.
Es war die Narkoseschwester, die sie wieder weckte und von einer anderen Krankenschwester auf ihr Zimmer abholen ließ. Den Rest des Tages döste sie noch ein wenig. Am nächsten Morgen wurde sie wieder von einer Schwester geweckt und ins Bad hinausbegleitet. Claudine erschrak, als sie im Spiegel eine alte Frau erblickte. Falten, trübe Augen, weißes Haar. Auch ihre Hände waren die einer alten Frau. Claudine versuchte sich das Datum in Erinnerung zu rufen, es war ihr fünfzigster Hochzeitstag. Sie war weit über siebzig Jahre alt und nun sah sie auch so aus. Als wäre sie über Nacht gealtert. Ist das den Schwestern und Ärzten denn nicht aufgefallen? Claudine betrachtete ihre Gestalt im Spiegel. Mit einem Schlag wurde ihr klar, dass sie es war, die nicht bemerkte, dass sie gealtert ist. Und sie erkannte, dass die letzten fünfzig Jahre ein Traum gewesen waren. Und, sie würde nicht zu ihrem geliebten Ehemann zurückkehren können. Als die Schwester mit Handtüchern ins Bad zurückkehrte fand sie Claudine in Tränen aufgelöst vor dem Badezimmerspiegel.